Donnerstag, 15. Januar 2015

Bullshit-Translator Beta

Disclaimer für alle Ironieverweigerer, deren Hobby es ist, sich angegriffen zu fühlen: Die folgenden Beispiele bedeuten nicht, dass in 100% der Fälle die gesprochenen Sätze tatsächlich der Bullshit-Übersetzung entsprechen. Solche Klischees kann man auch völlig aufrichtig von sich geben – aber es ist selten. Ich ertappe mich selbst dabei, schon mal einen oder mehrere dieser Sätze inbrünstig von mir gegeben zu haben, von daher, werft ruhig den ersten Stein.

"Ich habe im Moment sehr viel um die Ohren" – Du passt nicht so recht in mein Leben, weshalb ich deine Gesellschaft nur als Lückenfüller im äußersten Notfall akzeptiere, wenn ich absolut nichts Besseres mit meinem Leben anzufangen weiß. Wenn dieser Fall eintrifft, tue ich so, als hätte ich mir wahnsinnig Mühe gegeben, Zeit für dich freizuschaufeln. Wenn du dieses großzügige Angebot, mich zu bespaßen, nicht wahr nimmst, dann werde ich enttäuscht sein und so schnell keine Zeit mehr für dich haben.

"So etwas habe ich noch nie mit jemandem erlebt ..." - ...außer mit den Heerscharen an Gutgläubigen, denen ich genau das Gleich erzählt habe. Wer kann es mir verübeln, dass ich weit rumgekommen bin?

"Ich bin immer für dich da..." - ...wenn ich gerade nichts zum Lesen, Zocken, Unternehmen habe oder sonst niemand Interessantes zum Schreiben da ist. Dann werde ich halbherzig durch das querlesen, was du zu erzählen hast – natürlich nur lesen, denn dich anzurufen oder physisch für dich da zu sein, wäre zu viel des Guten. Ich habe heute ja auch noch was Wichtiges vor. Aber wenn du nicht sofort dein Herz vor mir ausschüttest, verurteile ich dich dafür, dass du dich mir nicht öffnest, obwohl ich dir doch allen Grund dazu gebe.


"Es ist nicht meine Schuld, dass du schlechte Erfahrungen mit den falschen Menschen gemacht hast! Mach mich dafür nicht verantwortlich und vergleiche mich nicht!" - Ebensowenig kann ich etwas dafür, wenn ich exakt genau die gleichen Dinge tue oder sage und identische Muster nachspiele wie all jene, die dir wehgetan haben. Purer Zufall, den dein traumatisiertes Gehirn in seiner Paranoia zu tiefgehenden Ähnlichkeiten aufbauscht. Tss, tss. Nur weil zwei Stück Obst das gleiche Aussehen, den gleichen Geschmack und die gleiche Konsistenz haben, müssen es noch lange nicht beides Äpfel sein! Du verallgemeinerst!"


"Ich bin treu/ehrlich/großzügig" – Show don't tell? Ist das ein Song von Queen? Wenn ich dir beim ersten Kennenlernen einen Katalog an meistersehnten (und selbstverständlichen) Qualitäten herunterbete, hast du gar keine andere Wahl, als von meiner perfekten Persönlichkeit beeindruckt zu sein. Warum sollte ich Zeit verschwenden, dir meine Tugenden durch irgendwelche aufwändigen Aktionen zu beweisen? Wenn ich sage, dass ich so und so bin, dann bin ich so oder so, das kannst du mir glauben. Denn ich bin schließlich ehrlich!


"Verstehe mich nicht falsch." - Lassen wir mal beiseite, dass mein Verhalten oder meine Worte für jeden mit logischem, gesundem Menschenverstand vollkommen eindeutig interpretierbar waren. Ich weiß, irgendwo in den verträumten Gefilden deines Hinterkopfs gibt es eine optimistischere Version, wie man das Geschehene beschönigen könnte. Also nutze sie gefälligst und verfalle nicht in deine Paranoia!


"Ich möchte dich wirklich kennen lernen. Ich warte auf dich, solange es sein muss." - In meinem Kopf tickt bereits ein Countdown, der immer schneller läuft, wenn unsere Kommunikation nicht meinen Erwartungen entspricht. Wenn unsere Beziehung sich nicht in der von mir erwarteten Zeit entwickelt, verliere ich meine Geduld und werde, nachdem ich mich erfolgreich nach anderweitiger Unterhaltung umgeschaut habe, dich abstoßen, weil du zu lange gebraucht hast, dich mir passend zu machen.


"Ich habe viel Scheiße erlebt." - Deswegen stürme ich als eine Art fehlgesteuerter Karma-Ersatz durchs Leben und tue Leuten, die überhaupt nichts für meine Vergangenheit können, das an, was mir (vermeintlich) angetan wurde. Aber du musst Verständnis haben, denn ich mache es nicht aus böser Absicht, es ist nur der Selbstschutz eines traumatisierten Wesens, wenn ich mich (durch deine Zuneigung, deinen Wunsch nach Nähe, nach etwas Ernsthaftem, nach weniger Lügen) bedroht fühle. Ich wurde so sehr verletzt ...

Die Liste wird bei Input gerne erweitert, eventuell ergänzt durch einige Anekdoten, die zu diesem Artikel beigetragen haben. 


Freitag, 26. Dezember 2014

Was nicht unter dem Weihnachtsbaum lag

    Wie es jedes Weihnachten aufs Neue Millionen von Menschen feststellen: Der Weihnachtsmann ist ein schrecklicher Materialist. Das Ergebnis: Anstatt von Dingen, die man wirklich in seinem Leben als homo sapiens gebrauchen könnte, bekommt man Küchengeräte. Oder iPods. Oder Gutscheine. Oder Selbsthilfebücher darüber, wie man ein erfolgreicher, unwiderstehlicher, Zuversicht ausstrahlender homo sapiens wird. Aber wenn wir schon bei unnötigen Alltags-Gimmicks sind – wie wäre es mit ein paar Ideen, wie man den Raum unter dem Weihnachtsbaum NICHT in eine Halde zerbrochener Träume verwandelt? Hier eine kleine Liste, denn das nächste Fest kommt bestimmt.

  • Ein Soziopathen-Scanner
    Nicht immer erkennt man diese (brech-)reizenden Zeitgenossen an einem "The Shining"-reifen Zähneblecken oder einer bluttriefenden Axt. Bei einem blauäugigen wandelnden Helferkomplex wie mir ist ein guter Indikator die klebrige Pfütze aus Mitgefühl und Verbundenheit, in die ich mich angesichts ihrer "Sob Story" über herzlose Eltern, psychotische Exfreundinnen und tyrannische Chefs (allesamt perfekte Weichspüler für die Sozio-Gehirnwäsche) verwandele. Praktisch wäre ein kleines Gedankenlese-Gerät, das bei erkannter Gefahr nicht nur warnend blinkt, sondern mich automatisch ganz, ganz weit weg beamt – in die Gesellschaft normaler Menschen, zum Beispiel.

  • Gerne in einem Geschenke-Set mit dem oben stehenden Wunsch: Ein Vorrat an Pflöcken, um sie in das nicht vorhandene Herz emotionaler Vampire rammen zu können. Hach, bin ich wieder dramatisch, und das sogar nüchtern.

  • Einen Liebeszauber für Katzen
    Wer braucht schon Menschen, wenn man die aufrichtige Liebe einer Samtpfote gewinnen kann? Wenn die Katze nicht nur zu einem kommt, wenn sie futtern möchte. Einen nicht nur dann tretelt, wenn diese süßen Pfötchen Minuten zuvor in benutzem Streu gewühlt haben (I see what you did there!) Und sich mal knuddeln lässt, ohne erst sich panisch zu sträuben und dann apathisch und ergeben zu schnurren.

  • Eingebauter Spamfilter für ALLE Arten der Online-Kommunikation
    Besonders für Online-Dating-Plattformen, damit vielsagende Anfragen von Unbekannten im Tenor von "Hi, na, alles klar" bis hin zu "Ich kenne dich zwar nicht bis auf ein verwackeltes Foto und einen nichtssagenden Einzeiler in deiner Profilbeschreibung, aber ich finde dich unglaublich scharf und möchte diesen Umstand mit dir in einem regen Nachrichtenwechsel eruieren" im Daten-Limbo landen, ohne den Glauben des Empfängers an die Menschheit negativ zu beeinflussen. Für Facebook würde sich ein selektiver Spam-Filter anbieten, der Bilder von matschigen Mahlzeiten, Verlobungsringen und ungepflegten Haustieren sowie ominöse Rants über die Schlechtigkeit der Menschheit aus der weisen Tastatur von Teenagern aus der Timeline verschwinden lässt.

  • Ein reversibler Magen-Bypass für die Feiertage
    Selbsterklärend!

Donnerstag, 10. Juli 2014

Der trveste Baukasten der Welt

Willkommen im Auffangbecken in der Empfangsstation für verlorene Seelen! Bisher bist du durch dieses Leben geirrt, ohne jemals einen Sinn darin gesehen zu haben. Niemanden gab es, dem du dich anvertrauen konntest – bis jetzt!
Beantworte die unten stehenden Thesen ehrlich (ja, ich weiß, Ehrlichkeit als Tugend ist in unserer Welt lange ausgestorben – nur hier lebt sie fort, mir kannst du vertrauen, Ehrenwort!) und du wirst zu der Erkenntnis gelangen, warum dein ganzes Leben lang etwas mit dir nicht gestimmt hat.


Die Häkchen in der ausgedruckten Checkliste sind ausschließlich mit dem eigenen Blut auszufüllen (notfalls geht auch das Blut eines Haustiers, das eigens dafür aus einer behaglichen Zoohandlung entführt wurde) – alles andere ist nur was für Poser!


Nun, fangen wir an.


Wir sind uns einig, dass die inneren Werte mehr aussagen als Äußerlichkeiten, deswegen beginnen wir mit einer Untersuchung deiner Seelenlandschaft.
  • Du bist anders, fremd, unangepasst an dieses Leben
  • Deshalb fühlst du dich von der Welt unverstanden
  • ... denn die Welt besteht nur aus intoleranten, langweiligen Idioten, denen du geistig schon lange überlegen bist
  • Du wirst/wurdest dein ganzes Leben gemobbt – von Klassenkameraden, Familie, deinen Haustieren
  • Du warst mehrmals unglücklich verliebt
  • Unglücklich verliebt, was ist das für eine Verharmlosung?! Dir wurde das Herz noch blutend rausgerissen, zertrampelt, zerschlagen, sodass nur noch eine klaffende Wunde voller Schwärze bleibt – so besser?
  • Dennoch ist dein Sinn für Romantik ungebrochen und du lebst ihn fortan in einer finsteren Traumwelt aus, die sich in Victoria-Frances-Postern manifestiert
  • Du bist – wer könnte es erahnen – aus oben genannten Gründen hochgradig depressiv und seelisch zerrissen, sodass jede Online-Diagnose einer psychischen Krankheit dir wie aus der Seele spricht


Hobbies, mit denen du dir die Zeit vertreibst, um für einige Stunden der Tristesse dieses sinnlosen Lebens zu entfliehen:
  • Cosplay
  • LARP
  • Gedichte/Songtexte schreiben
  • Die Songtexte auf einem Musikinstrument deiner Wahl, das du angefangen hast zu lernen, musikalisch untermalen
  • Dich anderweitig künstlerisch betätigen
  • Computer spielen (mit Vorliebe Fantasy-Rollenspiele)
  • Eine exotische Sportart, die wehtut
  • Lesen (auch Fantasy – oder Rosamunde-Pilcher-Liebesgeschichten, aber psst!)
  • Yu-Gi-Oh, Magic o.Ä.
  • Fastfood essen
  • Internet
  • Internet
  • Internet


Als geborener Ästhet wirst du mir zustimmen, dass bei all den inneren Werten auch das Äußere ein Wesen (Mensch wäre ja eine Beleidigung) definiert. Wie siehst du aus?
  • Schwarz lackierte Fingernägel
  • Schwarz gefärbte Haare
  • Übergewichtig/dünn und mit nicht nennenswerter Muskelmasse
  • Nietanaccessoires
  • Hoodies/Bandshirts, die mal schwarz waren, aber da deine Eltern neben ihrer generellen Erziehungs-Unfähigkeit nicht in der Lage sind, Perwoll Schwarz zu besorgen, inzwischen zu einem Dunkelgrau verbleicht sind – Entropie, Entropie überall!
  • Patchouli-Parfüm


Du hast so viele Punkte ankreuzen müssen, dass du bereits wie Meeresrauschen die Sirenen des nahenden Krankenwagens hört, der dich wegen Blutverlust in die Notaufnahme bringen wird? Bevor du im Tod endlich deine Erlösung findest, lass dir noch eine letzte Offenbarung mit auf den Weg ins Luis-Royo-Nirvana geben!


Trommelwirbel ...
... äh, ich meine natürlich, dramatische Streicher, klagende Frauenstimmen und schwere Bässe ...
Herzlichen Glückwunsch!

Du bist genau wie alle anderen auch!








Sonntag, 11. Mai 2014

I know that feel, bro - die Anonymen Netten Kerle

(Disclaimer: Die nachfolgende Szene und alle darin agierenden Charaktere sind frei erfundene, personifizierte, überzeichnete Verallgemeinerungen. Verklagt mich doch.)


Nach monatelangem Heranpirschen, geduldigem Ausharren in Chatrooms und dem Anhören tränenreicher Beichten im Freundeskreis bin ich dem Nest einer fast ausgestorbenen Spezies auf die Schliche gekommen: den netten Kerlen.
Nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker treffen sie sich regelmäßig in einer Versammlung von Leidensgenossen, wo sie gegenseitig Schicksalsschläge beklagen und Strategien ausarbeiten, um in der von Oberflächlichkeit dominierten herzlosen Welt nicht unterzugehen.


Der Leiter der Sitzung? Therapierunde?, ein untersetzter Mann mit Brille und schütteren Haaren, empfängt mich herzlich. Sein Händedruck ist weich und sanft, so als fürchtete er, das filigrane Gebilde meiner Hand zu beschädigen.
Umso energischer ist sein Monolog: "Schön, dass Sie heute hier sind! Ich finde es eine tolle Sache, dass sich eine Frau bereit erklärt, mal die Perspektive jener Männer in den Fokus zu rücken, die immer auf der Strecke bleiben, nur weil sie keine sexistischen Alphamännchen sein können oder wollen."
"Ähm, danke. Ich gebe mir Mühe."
"Nein, wirklich, Chapeau! Normalerweise sind Frauen ja voreingenommen und scheren alle Männer über einen Kamm wegen ein paar Arschlöchern, die ihnen das Herz gebrochen haben. Dabei lassen sie all die anständigen Kerle außer Acht, die in der Friendzone versauern! Somit wird Ihre Reportage einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten!"
"Das war der Plan, ja. Ich setze mich dann mal da hinten hin..."
"Kommen Sie, ich hol Ihnen einen bequemeren Stuhl! Und kann ich Ihnen einen Kaffee und einen Donut bringen?"
"Nein, danke, machen Sie sich keine Umstände wegen mir."
"Ach, Unsinn! Sie sind es nur nicht gewohnt, wie eine Dame behandelt zu werden. Die Donuts sind ausgezeichnet!"
"Daran liegt's nicht, ich will aber wirklich keinen Donut."
"Bestimmt achten Sie nur auf Ihre Figur, wie die oberflächliche Gesellschaft es Ihnen diktiert. Aber bei uns müssen Sie das nicht! Wir akzeptieren Frauen in jeder Form!"
"Das mag sein, aber ich leide unter Glutenunverträglichkeit."
"Warum haben Sie das nicht im Vorfeld gesagt? Ich hätte für Sie glutenfreies Gebäck bestellt."


Schließlich schicke ich mich an, mit meinem Notizblock in einer Ecke des Raumes Platz zu nehmen. Ebenso wie mein Donut-Verzicht erweist sich diese Aktion als indiskutabel: Als Ehrengast soll ich mich mit in die Runde setzen und zur Diskussion beitragen, falls die gebeutelten Romantiker Fragen an die Botschafterin aus dem feindlichen Lager haben.
Nachdem ein Nachzügler eingetrudelt ist (sein Tempo wird wohl durch seine füllige Statur gebremst), beginnt die Sitzung.


"Gentlemen, neben unserer Besucherin aus der Presse dürfen wir heute ein neues Mitglied in unserer Runde begrüßen. Erzähl doch bitte etwas zu deiner Person."
Der korpulente Neuzugang räuspert sich. "Also, ich heiße Marvin und meine Frau hat mich verlassen."
Ein mitfühlendes "Oooh" geht durch die Runde."
"Warum hat deine Frau dich verlassen, Marvin?"
"Vor zwei Wochen ist sie mit so einem überzüchteten Fitnessviech durchgebrannt. Hat nur eine Notiz hinterlassen, dass sie sich mit mir nicht mehr als Frau fühlt. Nur weil ich nicht so ein körperfixierter Bock bin, der nur ans Pumpen und F*** denkt!"
Nochmal betroffenes Raunen, ehe der Leiter beschwichtigt: "Es liegt nicht an dir, sie hat nur deine Qualitäten als Mensch nicht zu schätzen gewusst, weil sie, wie viele Frauen, von dem Aussehen von Arschlöchern verblendet ist. Sie wird schon sehen, was sie davon hat."
"Ja! Ich verstehe auch nicht, was er an so einer Schabracke wie ihr findet. Ihr kann man doch nicht mal auf den Arsch hauen, ohne dass der eine halbe Stunde nachwabbelt!"
"Der Kerl verlässt sie doch eh bald für eine jüngere, Hübschere", murmelt ein Leidensgenosse.
"Ja, Karma is a bitch! Und ich dachte noch, sie hätte wenigstens einen lieben Charakter, wenn schon das Aussehen zum Kotzen war ..."


"Und Jürgen, wie geht es bei dir mit deiner besten Freundin voran?"
Auf diese Frage hin meldet sich ein schlaksiger junger Mann, eine Verkörperung des Nerd-Archetyps, zu Wort. Sein grimmiges Gesicht glänzt fettig im trüben Licht der Lampe. "Naja, ihr Macker hat vor zwei Wochen mit ihr Schluss gemacht."
"Na, das ist doch eine Chance für dich."
"Eben, dachte ich zuerst auch, aber Frauen sind ja so dumm! Ich habe ihr sogar Andeutungen gemacht, dass es da einen netten Kerl gibt, der sie auf Händen tragen würde, aber sie rafft es nicht!"
"Wie hat sie denn reagiert?"
"Ach, sie heult bloß rum, dass sie ihn ja noch so liebt und dass sie keinen anderen haben will. Ich meine, es ist schon zwei Wochen her! Sie sollte doch langsam hinwegkommen und sich nach dem Richtigen umschauen!"
"Frau Reporterin, was meinen Sie denn dazu?"
"Naja", sage ich zögernd, "du musst vielleicht bedenken, manche Menschen brauchen länger, um eine Trennung zu verarbeiten."
"So ein Schwachsinn! Als damals die Susi aus dem Chat mit mir Schluss gemacht hat, habe ich ihr nicht hinterher getrauert, die war eh eine dumme Kuh, die keine Ahnung vom Zocken hatte. Da hab ich gleich die Melanie angeschrieben ..."
"Ja, aber deine beste Freundin muss ja nicht genauso denken wie du. Vielleicht braucht sie im Moment ja erstmal deinen Beistand als Kumpel."
Das hätte ich nicht sagen sollen.
"Immer die Friendzone!", wettert Jürgen. "Ich würde alles für sie tun, aber was bringt es mir? Sie läuft ja immer irgendwelchen Typen hinterher, die keine Ahnung haben, wie man eine Frau behandelt. Und mir sagt sie immer, ich sei nicht ihr Typ ..."


"Dann vergiss sie!", mischt sich ein netter Kerl ein, der mit verschränkten Armen neben mir sitzt. "Genieß dein Single-Leben, dann kann dich wenigstens kein Weib ausnehmen, so wie mich."
"Erzähl doch der Dame von der Presse, was du erlebst hast."
Der Betroffene lehnt sich eindringlich zu mir vor. "Naja, manchmal glaube ich, die Weiber stehen wirklich nur auf Kerle, die sie wie Dreck behandeln. Und die Kerle, die nett zu ihnen sind, lassen sie irgendwann fallen und krallen sich so ein Arschloch."
"Wie meinst du das?"
"Naja, meine Ex zum Beispiel. Ich habe alles für sie gemacht, alles für sie gezahlt, was sie wollte. Sie brauchte mich nicht einmal darum bitten, ich habe ihr alles geholt. Und was macht sie? Lässt mich sitzen, weil sie meint, sie kommt mit meinem Charakter nicht klar! Als ob Taten nicht lauter sprechen als Worte!"
"Aber irgendeinen Grund musste es ja geben", werfe ich kleinlaut ein.
"Ach, sie hat irgendwas geblubbert von wegen, sie erträgt meine Stimmungsschwankungen nicht. Nur weil ich ein paar mal ausgetickt bin, weil ich es nicht mehr aushalten konnte!"
"Konntest du denn nicht mit ihr über deine Probleme reden?"
"Keine Ahnung, ich war ja zu sehr damit beschäftigt, ihr zuzuhören, wenn sie Probleme hat!"
"Aber sollte es kein Austausch unter Partnern sein ...?"
"Ich wäre doch ein Waschlappen, wenn ich ständig so rumheulen würde wie sie. Und überhaupt, warum kann sie mir nicht einfach verzeihen? Ich habe mich jedes Mal entschuldigt, hab ihr ständig Geschenke gemacht."


Langsam verliere ich die Geduld und wende mich an den Diskussionsleiter.
"Hören Sie, ich habe schon viele wertvolle Einblicke gesammelt, aber jetzt muss ich langsam gehen."
"Bleiben Sie doch noch bis zum Ende der Sitzung, Sie haben doch noch gar nicht alle Schicksale gehört!"
Der schenkungsfreudige Choleriker grätscht dazwischen: "Da sieht man es wieder, keine Frau hat Zeit, keine Frau interessiert sich für unsere Probleme, aber wir müssen immer springen!"
"Am Ende kommen wir in dem Artikel noch total klischeehaft weg", setzt der verhinderte Adonis hinzu, "wie ein Haufen Verlierer, die einfach keine Ahnung haben von Frauen."
"Bestimmt nicht", versichere ich, "ich habe mir ein objektive Bild gemacht, es ist nur, ich muss wirklich los."
"Bestimmt zu einem Date!", verdreht der Nerd die Augen.
"Nein, aber heute ist noch ein Raid geplant", erwidere ich. Beim Verlassen des Raums bin ich um eine Handynummer reicher.

Herzlichen Dank für die Inspriation an den erzählmirnix Blog, dessen Autorin die Nette-Kerl-Problematik in einem Comic wesentlich knapper zusammengefasst hat als ich Plappertasche es jemals könnte.


Höhenflug

Die Passanten, die sons als Pappkameraden an dir vorüberschwebten, bekommen ein Gesicht und du begrüßt sie.
Du plapperst, wie ein LSD-getränkter Wasserfall.
Du erklärst einem Touristen, der kein Wort einer einzigen Sprache versteht, mit Händen, Füßen und Enthusiasmus den Weg zu einem Ort, von dem du eine nur sehr ungefähre Vorstellung hast.
Du hast einen sonnengeblendeten Tunnelblick. 
Du steckst ein schmollendes Kleinkind mit deinem Grinsen an und freust dich über das angesabberte Stück Breze, das es dir als Zeichen seiner ewigen Freundschaft in klebrigen Patschehänden entgegen streckt.
Du fühlst dich unverwundbar.
Du wippst zu Songs mit, die du ansonsten im Shuffle-Modus deines Players gleich weitergedrückt hättest.
Du überspringst Treppenstufen.
Du fällst flüchtigen Bekannten um den Hals, als wären es beste Freunde.
Du verlierst jegliches Zeitgefühl.
Du bist glücklich.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Der Gehirnwäsche-Guide

Du bist angehender Beziehungstyrann, Sektenleiter, vielleicht sogar Weltherrscher? Oder du willst einfach deine Verlustängste oder Minderwertigkeitskomplexe durch willenlose Marionetten kompensieren? Schon bald kannst du Seelen unterjochen und dich als Messias anbeten lassen – wenn du diese einfachen Schritte befolgst.


  1. Die richtige Zielgruppe
    Achtung, Binsenweisheit: Menschen, die in einer Lebenskrise stecken und Hilfe bedürfen, eine wie auch immer geartete Lücke zu füllen, sind am empfänglichsten. Junge Frauen, die gerade die Trennung von ihrer "großen Liebe" durchmachen, Spätpubertierende auf der Suche nach dem Lebenssinn, Menschen, die ihren Job oder eine nahestehende Person verloren haben ... der Pool an willigen Opfern, aus dem du dich bedienen kannst, ist unerschöpflich!
    Vermeintliche oder tatsächliche Gemeinsamkeiten helfen, einen ersten Draht zum Gefolge in spe aufzubauen. Du hast das Gleiche wie sie durchgemacht, kennst dieses Herzen brechende Arschloch auch oder hörst einfach nur dieselbe Musik. Sei kreativ! Nachdem gerade selbst ernannte Individualisten (der Löwenanteil deiner Zielgruppe) sich ähneln wie ein Ei dem anderen, ist es nicht weiter schwer, Parallelen zu (er)finden.

  2. Zuckerbrot ...
    Deinen verlorenen Schäfchen eilst du selbstlos zur Hilfe, trocknest Tränen und hörst dir geduldig all die Katastrophenberichte an. Mit einer Sanftheit und einem Verständnis, das sie noch nie zuvor von jemand erlebt haben. Nachdem sich die zukünftigen Jünger den Kummer von der Seele geredet haben, eröffnest du ihnen die frohe Botschaft: Du, ja, genau du hast die Lösung für ihre Not und wirst sie ins gelobte Land führen, wenn sie dir nur ein wenig Vertrauen schenken. Warum du dich so für sie aufopferst? Weil du in ihnen etwas ganz Besonderes siehst; Menschen, die etwas Besseres verdient haben als den Bullshit, der ihnen bisher widerfahren ist – nämlich dich! Wenn du dein Machtzentrum auf die spirituelle Ebene fokussierst, ist dies auch ein günstiger Zeitpunkt, mit deinen moralischen und/oder religiösen Dogmen um dich zu werfen.
  1. ...und Peitsche
    Vergiss nicht, deine Exklusivität zu unterstreichen, indem du strategisch gegen das Feindbild deiner armen Schafe wetterst – die Peiniger, die ihnen Unrecht getan haben. Erst in Gegenüberstellung zur kalten, herzlosen Außenwelt wird ihnen bewusst, wie behaglich sie es unter deinen Fittichen haben.
    Falls du bereits erste Erfahrungen auf dem goldenen Pflaster der Tyrannei gesammelt hast, kann es vorkommen, dass dir in der Vergangenheit einige Opfer entwischt sind (oder du bist ihrer überdrüssig geworden). Von der anderen Seite der Barrikade her könnten sie deinem Opfer Warnungen zurufen. Und wer weiß, auf wen jemand schlussendlich hört, der labil genug war, auf dich zu hören? Diese Gefahr musst du unterbinden, indem du vorsorglich die Kritiker diskredittierst. "Meine Ex erzählt immer scheiße über mich und denkt sich Lügengeschichten aus, um mein Leben zu ruinieren" – nur ein griffiges Beispiel aus dem Fundus des Beziehungstyrannen. Am besten holst du dir Verbündete ins Boot, die deine Version des Geschehens unterstützen.

  2. Isolation
    Meistens jedoch lauert der Feind im Umfeld deines Opfers. Besorgte Eltern, Freunde oder Kollegen, denen es sauer aufstößt, wenn deine Gehirnwäsche ihre ersten Früchte trägt. Um mögliche Kritik aus diesem Lager zu entschärfen, mach deinem Gefolge deutlich, dass diese Menschen die Falschen sind. "Ach, auf einmal interessiert sich dein Kumpel für dich? Der meldet sich sonst nur, wenn er was will", "Deine Eltern immer mit ihrem Kontrollwahn", "Die ist bestimmt nur eifersüchtig" etc.
    Als dramatische Notlösung bei besonders unschlüssigen Schäfchen bietet sich eine Konfrontation mit der Konkurrenz an – am besten inszeniert als eine Befreiung oder Rettung des Schützlings, der sich vor dem ganzen Krach hinter deinem breiten, starken Rücken versteckt. Und nachdem die Nabelschnur gekappt ist, bleibt ihm keine andere Wahl, als dir treu zu bleiben ... es gibt sonst niemandem mehr.
    Gut ist es, wenn dein Opfer bereits durch seine Subkultur, religiöse Minderheit oder eine extravagante sexuelle Neigung (die du selbstverständlich teilst) stigmatisiert ist. Nutze diesen Heimvorteil, um einerseits durch die Scham des Andersseins, andererseits durch Zugehörigkeit die Abgrenzung vom "Rest der Welt" zu verstärken. Du und ich, Baby!

  3. Stabilisierung
    Wenn du die Schritte 1 bis 4 korrekt ausgeführt hast, solltest du mittlerweile einen oder mehrere Untertanen haben, die mit treuherzigen Augen zu dir aufblicken und sich scheu abwenden, sollte zufällig ein Irrlicht ihres alten Lebens vorbeiblitzen. Diese hart erkämpfte Position gilt es zu halten, denn Fanatismus und Wankelmut liegen leider nahe beieinander. Hierzu wiederhole bei Bedarf die vorangehenden drei Schritte.
    Diese Phase lässt sich auch nutzen, um Grenzen auszuloten. Wie viel lässt sich dein Opfer von dir gefallen, bevor es schluchzend nach seiner Mami ruft? Und wie kannst du ihn am besten wieder zum Schweigen bringen? Außerdem machst du all das ja nicht aus Spaß an der Freude. Deinen wohlerzogenen Sklaven kannst du nun auch für kleine Gefallen einsetzen, seien es Finanzspritzen oder Freundschaftsdienste. Sollte er den Tribut verweigern, erinnere ihn sanft, aber bestimmt an all dies, was du für sein Seelenheil auf dich genommen hast. Und Ruhe im Karton!

  4. Nicht den Kopf hängen lassen!
    Menschen sind einerseits naiv, können aber durch ihre Macken und Sonderwünsche zu dem anstrengendsten Arbeitsmaterial überhaupt werden. Aber du wärst nicht der starke, charismatische Anführer, der du bist, wenn du dich davon entmutigen lässt. Sollte dir dein Schäfchen zu sehr auf der Nase herumtanzen oder dich im Gegenteil durch blinden Gehorsam langweilen, scheue dich nicht, den Unwürdigen ziehen zu lassen. Zwar kann dies im schlimmsten Fall zu Nebenwirkungen führen (siehe Schritt 3) – dafür kannst du dich aus der Ferne an einer gescheiterten Existenz erfreuen, die ohne dich kaum noch in der Realität zurechtkommt. Als Bonus kannst du dich neuen Opfern gegenüber als verkannter, verlassener, tragischer Held brüsten.


Viel Spaß mit der Weltherrschaft!
P.S. Ich nehme auch Barschecks.




Montag, 27. Januar 2014

#misanthropymonday

Ihr.
Ihr Menschen.
Ihr, deren Horizont sich am Durchmesser des Hamsterrades misst, in dem ihr rotiert.
Ein Hamsterrad, gebaut aus euren Verlustängsten, euren Minderwertigkeits- und Ödipuskomplexen, euren Zwängen, euren kleingeistigen Intrigen, euren Dogmen, eurer Ignoranz.
Ihr, die ihr euch immer bei allem angesprochen fühlt und empört aufschreit, wann immer ein Wort oder eine Geste gegen den Strich eurer scheinheiligen Korrektheit und Toleranz bürstet.
Ihr, die ihr euch einzigartig wähnt mit euren banalen Tragödien, euren einfältigen Weisheiten, euren beliebigen Baukasten-Persönlichkeiten.
Ihr Wundenlecker und "Ja, aber"-Sager, Argument-Totschläger und Nicht-zu-Ende-Denker.
Ihr Missverstandenen und Als-Kind-nicht-genug-Geknuddelten.
Ihr, die eure schwärenden Wunden an anderen reibt, um sie zu infizieren, genauso wie es mit euch geschah.
Ihr mit eurer schwachbrüstigen Hilfsbereitschaft, eurer ziellos irrenden Rationalität und eurer zahnlosen Rebellion.
Ihr, die immer alles ausdiskutieren wollt in einer sinnlos blökender Konferenz der Tiere, ohne einander jemals wirklich zuzuhören.
Ihr, die ohne etwas verstanden zu haben, die Wahrheit für euch pachtet.
Ihr Menschen.
Ihr.
Ihr seid so langweilig.


You're just people ...