Samstag, 29. Juni 2013

Früher war alles besser. Pepperidge Farm remembers.



„You either die a hero or live long enough to see yourself become the villain” - wie oft wurde früher dieser Spruch auf 9gag zitiert, in allen möglichen Zusammenhängen? Traurigerweise umschreibt er mittlerweile die Entwicklung der Seite. 

Über 9gag könnte man ganze Sozialstudien schreiben, schließlich war die Seite früher so etwas wie das Sprachrohr des kleinen Mannes. Okay, genauer gesagt, das Sprachrohr kindlicher, erfolgloser Kultisten einer nerdigen Katzensekte, aber der Punkt ist: Man brauchte keine Nachrichten lesen, um zu wissen, was in der Welt geschah. Man durchforstete 9gag wie die Morgenzeitung und erkannte aktuelle Entwicklungen daran, wie sie in Ragecomics und alten Meme-Prototypen durch den Kakao gezogen wurden. Belohnt wurde man mit HD-Bildern neuer Weltwunder, aus dem Leben gegriffenen Comics, interessanten Life-Hacks und natürlich – Katzenbildern.

Das war, bevor sich auch diese Funpage der Idiokratie unterwarf und pubertierende Hipster, die mangels Kreativität auf Instagram und Tumblr unbeachtet versauerten, getrieben von ihrem „Bitte nehmt mich ernst, auch wenn man auf meinem Profilbild in Facebook mehr Ausschnitt als Gesicht sieht“-Weltschmerz das Ruder übernahmen. Und alles, was früher die einzigartige 9gag-Kultur ausmachte, verflachte.

Bekannte Situationen des alltäglichen Lebens pointiert abzubilden („relatable post“), den ganz normalen Wahnsinn in 1-2 Sätzen auf den Punkt zu bringen ist eine Sache. Belanglosigkeiten in banalen Konstruktionen breitzutreten ist eine ganz andere.
Natürlich machen sich Leute, die die richtige Verwendung von Memes viel zu eng sehen, fast genausoviele Freunde wie Zwangsneurotiker, die mit hektischen roten Flecken im Gesicht immer und überall Grammatik und Rechtschreibung korrigieren. Leider ist die Meme-Verwendung mittlerweile so vorhersehbar, dass Puristen der alten Schule beim besten Willen nicht auf ihre Kosten kommen. Die Grundaussagen der gängigsten 9gag-Helden sind immer die gleichen.

Scumbag Stacy: „Mimimi, meine Ex war böse zu mir, aber ich habe es mit mir machen lassen, weil sie verdammt scharf war, genau wie die Porno-Queen auf dem Bild, deshalb mache ich ganz viele Posts über meine böse Ex, um den heißen Meme zu besabbern.“
Scumbag Steve: „Mein Kumpel ist so gemein, der nutzt mich aus, macht mich psychisch fertig, hilft nie mit und verwüstet meine Bude. Aber da ich weder Rückgrat noch richtige Freunde habe, lasse ich es ihm durchgehen und kanalisiere meine passiven Aggressionen in einen langweiligen Post.“
Confession Bear: „Ich bin so mutig und gebe in der Dorfanonymität des Internets mein dunkelstes Geheimnis preis – manchmal pinkele ich ins Schwimmbecken. Aber verurteilt mich nicht, denn bestimmt habt ihr alle schon mal ins Schwimmbecken gepinkelt. Also ehrt mich gefälligst mit Likes, weil ich etwas zugegeben habe, das niemand wissen wollte!“
Advice Duck: „Ernähre dich gesund, bleibe deiner Freundin treu, lüg nicht, stiehl nicht, lass dich nicht auf falsche Menschen ein, mach immer deine Hausaufgaben. Befolge also die Binsenweisheiten deiner Eltern, auch wenn sie in ihrer Erziehung so versagt haben, dass du mehr auf eine Ente hörst als auf sie.“  
Bad Luck Brian: „Ich bin miserabel dran, aber um mich selbst aufzubauen, erfinde ich Worst-Case-Szenarios, wie jemand noch miserabler dran sein könnte. Haha, ist das nicht witzig? Bin ich froh, dass ich nicht so ein extremer Pechvogel bin!“
Success Kid: „Juhu, ein Mädchen hat mich angeschaut! Endlich hat sie mich bemerkt und sich über beide Ohren in mich verliebt. Jungfräulichkeit ade! Außerdem musste ich heute beim Gamestop nicht Schlange stehen, und einen Glückscent habe ich auch auf der Straße gefunden. Bin ich nicht toll?“
Und das alles gekrönt von dem obligatorischen Titel: „Das ist mir heute erst passiert, kein Scheiß! Okay, letzte Woche. Okay, nicht mir, sondern dem Bruder eines Schwagers. Okay, es nicht nicht wirklich passiert, sondern ich habe von jemand aufgeschnappt, dass er gelesen hat, dass sowas vielleicht in der Realität möglich ist.“

Sollte im Internet das Prinzip „Abstimmen durch Klicks“ nicht wunderbar funktionieren?
Klar, 9gag definierte sich seit eher als ein Verband von Individuen, die, mangels der Fähigkeit oder Motivation, Missstände aktiv zu verändern, lieber Witzchen über diese reißen. Aber gerade hier hätten sie eine reale Chance, Banalitäten und Einheitsbrei von der Hotpage zu verbannen! Wenn also all die Lager der Kommentatoren, von Grammar Nazis über zeigefingerwedelnde Gutmenschen bis hin zu „Oh, Titten!“-Einfaltspinseln, geschlossen dem Verfall den Rücken kehren, könnte 9gag vielleicht sogar wieder witzig werden. 9gag 2.0.

Vielleicht ist es aber auch schon zu spät. Vielleicht sollte man einfach Grumpy Cat mit Scumbag Steve kreuzen, diese apokalyptische Kreatur auf 9gag loslassen und entspannt zusehen, wie die herzzerreißenden Posts frustrierter 13-jähriger Hipster in einem Inferno aus Dislikes und zynischen Kommentaren untergehen. 9gag ist tot, es lebe 9gag!

Samstag, 23. Februar 2013

"Gott weiß, ich will kein Engel sein ..."

Die Frauen kennen diese Spezies, mussten sie doch mindestens einmal in ihrem Leben ihren Vertreterinnen eine tröstende Schulter zum Ausweinen hinhalten. Die Männer kennen sie noch besser - schließlich ist das starke Geschlecht in 90 % der Fälle der Grund fürs Ausweinen. Jeder von ihnen hat (laut Aussage dieser Spezies) einer Vertreterin von ihnen schon mindestens einmal das Herz gebrochen.

Die Rede ist von dem Typus Frau, den ich gerne als den "handelsüblichen Engel" bezeichne.
Manchen von ihnen sieht man die Zugehörigkeit zu dieser höheren Rasse nicht sofort an. Sie tarnen sich gekonnt mit knappen Miniröcken (damit man dem ewig leidenden starken Geschlecht bequem zur Hilfe eilen kann), marialischen Dekoltes (um das große verwundete Herz zu präsentieren) und viel Schminke (um die Tränenspuren zu übertünchen).
Oftmals suchen sie sich unerwartete Orte aus, um von dort aus Liebe und Wärme in der Menschheit zu verbreiten: Bars, Diskotheken, zwielichte Ansammlungen nicht ganz nüchterner Menschen im Allgemeinen. Denn wo sonst trifft man mit so hoher Wahrscheinlichkeit auf gescheiterte Existenzen, die es mit viel Geduld aufzupäppeln gilt - das täglich Brot, äh, Ambrosia dieser Spezies?

Eines haben alle Engel gemeinsam, sonst wären es keine: Sie träumen von der perfekten Beziehung. Von bedingungslosen Liebe, Vertrauen, Respekt und davon, mit ihrem Auserwählten Hand in Hand über eine Blumenwiese zu traben. Diesen Traum im Auge, empfangen sie jeden Mann, der mit Worten, oder mit seinem Körper, oder mit irgendetwas - oft genug auch mit gar nichts - einigermaßen umgehen kann, mit offenen Armen und offenen Beinen.

Dann hebt der Engel seinen Auserwählten über die schnöde, graue, herzlose Welt hinaus und trägt ihn mit ekstatisch flatternden Flügeln in ein besseres Leben - mit Zwischenstopp zum Bierholen, wohlgemerkt. Wie ein Komet zieht diese hell und rein strahlende Liebe über das Firmament. Leider kommt kurz nach der alles verändernden Erkenntnis, seine perfekte Hälfte gefunden zu haben (und Engel haben in der Regel mehr als genug Erfahrung, um so etwas sofort beurteilen zu könenn), die Landung. Die für den Engel oft mit mehr als nur ein paar geknickten Flügelfedern endet. Beim Richten dieser entsteht zwischen der armen Seele und dem Gegenüber, der gerade das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, ein oft gehörter Dialog.

"Mein Freund hat mich verlassen, ich vermisse ihn so sehr."
"Wie lang wart ihr denn zusammen?"
"Zwei Monate!" (oder drei, oder vier, oder doch nur ein paar Wochen - auffällig ist, dass der Zeitraum des paradiesischen Glücks selten die Halbjahresmarke überschreitet)
"Warum hat er dich verlassen?"
"Oh, ich glaube, er hat mich von Anfang an verarscht und es gar nicht ernst gemeint. Er hat mich betrogen/belogen/ausgenutzt/ignoriert" (die Liste ist lang, die Quintessenz: so behandelt man einen Engel doch nicht!)
"Sei doch froh, dass du den Deppen los bist."
"Nein! Ich will ihn unbedingt wiederhaben, ich liebe ihn so!"

Der Ausgang des Dialogs variiert je nach Geschlecht des Zuhörers.
Ist dieser weiblich, bekommt der Engel wahlweise Trost, Solidarität und die Ermutigung, dass andere Mütter auch schöne und vor allem treue Söhne haben (von geduldigen Zuhörerinnen), oder den Rüffel, wie man so naiv und blöd sein konnte (von Realistinnen).
Beim männlichen Zuhörer wird es interessanter. Hier bekommt der Engel sogar noch mehr Wärme, Verständnis, es wird ermuntert und über den herzlosen Geschlechtsgenossen gewettert. Es gibt Streicheleinheiten, liebe Worte und innige Umarmungen (wo sonst, außer in einer innigen Umarmung, kann man unauffällig und auf anständige Weise Brüste zu spüren bekommen?).
Bei soviel Sanftheit und Verständnis geht dem Engel natürlich sofort ein Licht auf. Der Engel blickt in die treuherzigen Hundeaugen des Trösters und erkennt darin seine wahre bessere Hälfte.
Und schon beginnt der Kreislauf von Neuem ...

Vielleicht täte es den Engeln gut, zu begreifen, dass der Weg zum Herzen eines Mannes nicht in seiner Hose beginnt. Und wenn doch, ist dieser Mann vielleicht nicht der Mr. Right, der von einer höheren Macht (der gleichen, die die Engel im Fließbandmanier produziert) dazu auserkoren ist, ihr geschundenes Herz zu heilen.

Montag, 31. Dezember 2012

Seien wir bessere Menschen, solang wir noch nüchtern sind!

Ihr dürftet es wohl gemerkt haben: Die Welt ist trotz unserer Mühen doch nicht untergangen.
 (Empörte Notiz am Rande: Wo ist eigentlich mein goldener Blogger- und generell Social-Media-Orden dafür, dass ich auf keiner Plattform ein Wort über die Apokalypse verloren habe?) 
Wir konnten uns also nicht in einer neuen Daseinsform als Häufchen Asche vor peinlichen Momenten wie drei Nummern zu kleine Reizwäsche unterm Weihnachtsbaum (ein Geschenk des Nachbarn) oder dem Gewichtsschock am ersten Weihnachstag drücken. Bestimmt haben die versklavten Elfen als Rache die Skala jeder Waage auf der Welt verstellt. Kein Wunder, sogar Fußbälle nähende Kinder in Pakistan würden sich solche Arbeitsbedingungen wie beim Weihnachtsmann nicht gefallen lassen. Aber ich habe mir sagen lassen, diese Weihnachtspfunde schmelzen beim Geschenke-Umtauschstress wie von selbst!

Apropos Pfunde, die im Mittelpunkt der meisten Neujahrvorsätze stehen. Und Neujahrsvorsätze im Allgemeinen. Diese Illusionen, die dem guten Gewissen dienen, lassen sich verlängern, indem man sie bereits vor dem neuen Jahr umzusetzen anfängt - mit etwas Glück sind die guten Eigenschaften Anfang 2013 bereits zur schlechten Gewohnheit geworden, und was ist überlebensfähiger als eine Routine?

Beispielsweise habe ich in einem Anfall von Selbstekel - einem von denen, die man normalerweise mit etwas Kalorienreichem beschwichtigt - beschlossen, ein Fitnessprogramm auf die Beine zu stellen. Um den inneren Schweinehund auszutricksen, beginne ich damit bereits vor dem Neuen Jahr.
Das Ergebnis?  Meine gestählten "Das ist kein Fett"-Muskelpakete bewirken zwar noch keine Änderung auf der Waage, dafür wurde mir der Sinn eines guten Workouts klar: das figurbewusste Opfer so weit auszupowern, dass es den Gang zum Kühlschrank nicht mehr schafft. Dafür, dass ich meine Arme noch bewegen kann, um diesen sinnfreien Eintrag zu tippen, habe ich übrigens noch einen goldenen Blogger-Orden verdient. Das Gewicht dieser imaginären Orden permament mit mir herumzuschleppen bewirkt sicherlich einen höheren Kalorienverbrauch, also immer her damit, liebe Leser!

Mit dem Rauchen aufzuhören nehme ich mir gar nicht erst vor, denn ich möchte nicht als 200 kg schwerer Single im Gefängnis enden. Und ich hatte ohnehing nie geplant, meinen neunzigsten Geburtstag zu feiern. Von Verwandten, die nur auf mein Ableben warten, das Geburtstagsstamperl durch einen Strohhalm eingeflößt zu bekommen ist nicht meine Vorstellung eines würdevollen Alterns.

Dafür plane ich fürs Neue Jahr, einen Bestseller zu schreiben, der "Feuchtgebiete" und "SMS von gestern Nacht" blass aussehen lässt. Und natürlich, diesen Blog nicht komplett der Versenkung zu überlassen. Idealerweise sollte die Quote der Einträge sich mit der Quote meiner Workouts decken - aber ob das so ein löblicher Vorsatz ist?

Genug geschwafelt. Für 2013, das sich als genauso unspektakulär und enttäuschend wie 2012 entpuppt, wünsche ich uns allen neben dem üblichen Gedöns folgendes: Mögen wir unseren dringlichsten Vorsatz am 1. Januar umsetzen können - nämlich, unser kollektives Alkoholproblem in den Griff zu kriegen.

Wenn ihr euch beim Rutschen etwas brecht, komme ich gerne vorbei und unterschreibe auf eurem Gips. Cheers!

Samstag, 17. November 2012

Wunschzettelwirtschaft (Brief eines unartigen Kinds)

Liebes rot-weißes, großväterlich bebrilltes Konstrukt der Coca-Cola-Industrie,

das schweißgebadet und wirrbärtig in seinem Iglu oder Schloss oder was auch immer aufwacht - sorry, meine Vorstellungen wurden durch den Konsum von "Weihnachtsmann & Co. KG" in einem sensiblen Alter unwiderruflich verzerrt, sodass ich mich nicht an deine Immobilienverhältnisse erinnere.

Nicht einmal dein boomendes Geschäft vermag deine Therapiekosten zu decken, so stark ist deine Phobie vor Lebkuchen & in Glitzerfolie zur letzten Ruhe gebetteten Schoko-Abbildern deiner Selbst, die spätestens Ende Oktober aus goldenem Laub auferstehen, um dich heimzusuchen.

Bestimmt ist mein Name eingemeißelt auf deiner Liste der unartigen Kinder, weil ich
a) nicht an dich glaube,
b) meine Position in der Wunschzettelhierarchie nicht dadurch aufzubessern versuche, indem ich mir  so etwas wie den Weltfrieden oder ein glückliches Familienleben für alle Elefantenbabys und weißen Robben dieser Welt wünsche
c) mich in eben jenen Mob eingliedere, der bei dir schon lange vor der Adventszeit Panikattacken auslöst.

Und dann habe ich auch noch die Frechheit, dir meine Wunschliste mitzuteilen. Also, halt dich fest am Steuer deines Rentierschlittens, denn ich wünsche mir (und allen, die es durch eine grausame Fügung des Schicksals auf diese Seite verschlagen hat) ...

  • einmal in einem Laden erfolgreich shoppen zu gehen, wo man schief angeschaut wird, wenn man mit Scheinen kleiner als 100 € zahlt
  • nie wieder die Frustration über ein gerissenes Zigarettenpapier spüren zu müssen
  • keine Freunde/Bekannte/Verwandte, die mitgebrachten Alkohol in ein Lokal schmuggeln, weil das billiger kommt
  • eine schicke Scumbag-Steve-Mütze 
  • herauszufinden, was so schön ist an einem Wintermorgen, bevor man brav seine Antidepressiva geschluckt hat
  • eine salonfähigere Art von Alkoholismus
  • eine "Mir geht's gut! Mein Leben ist toll! Ich bin ein Gewinner!"-Maske, die sich selbstständig graduell verstärkt, je mieser die wirkliche Stimmung
  • dass Duckface-Girls offiziell für Tierversuche mit Kosmetik freigegeben werden - sie üben ja schon brav dafür!
  • weltweites Arschhängehosen- und Basecapverbot - bei Todesstrafe

Und wenn du mich nicht erhörst, lieber Marketingmythos, dann verwickle ich mich eben in eine Schlägerei, um mit den Trophäen aus meinem Kiefer hinterher die Zahnfee um Geld zu betrügen.

Dein Grinch.

Montag, 22. Oktober 2012

Schade, dass du nicht normal bist.



Wie lange mag es her sein? Damals existierte noch die PLUS-Kette und Klein-Reggy hatte gerade ihre erste Brille bekommen. Ein unvergleichlich schirches Modell, welches Harry Potter vor Scham unter seiner Narbe erröten ließe, der Trägerin aber einen besonderen Durchblick fürs Leben schenkte. An ihm liegt es wohl, dass ich zehn Jahre später diesen Vorfall vor meinen unverändert kurzsichtigen Augen sehe. 

Klein-Reggy stand im besagten Discounter an der Kasse an. Sie freute sich auf die billigen Bauchschmerz-Bonbons auf dem Fließband – die Belohnung dafür, dass sie die Stellung in der Schlange hielt, während Vatern noch den letzten notwendigen Krimskrams einsammelte, der Kinder überhaupt nicht interessiert. 

Vor Klein-Reggy stand ein pummeliger Mann mit Halbglatze an, der mit einer ungewöhnlichen Sorgfalt seine Einkäufe auf das Fließband legte. Ein kurzer Blick, gnadenlos geschärft durch die neue Brille, bewertete den Dicken als hässlich. Und was macht mehr Spaß, als hässliche Menschen zu beobachten? 

Bald durfte Klein-Reggy das seltsam proportionierte Mondgesicht in voller Pracht bewundern. Als Vatern neben ihr in der Schlange auftauchte, drehte sich der Mann um. „Sie gehören zusammen?“ Sogleich machte er eifrig Platz für meinen Vater, wie es normalerweise niemand gemacht hätte. Und die Menschen wiederum machten ihm Platz: Niemand wollte dem Dicken zu nahe kommen, peinlich berührt, wandten sich alle ab von diesem komischen Vogel.

Komisch verhielt er sich auch, als er an die Reihe kam. Die Kassiererin, eine Mustervertreterin der geheimen Gewerkschaft „Überarbeitet und unterbezahlt“, schob seine Einkäufe emotionslos über das Fließband.
Bei der Eierschachtel wurde der Dicke nervös. „Können Sie bitte aufpassen, das ist zerbrechlich.“ Den „Ich weiß, was ich tue, auch wenn ich es hasse, das zu tun und jetzt lieber zu Hause vor dem Fernseher sitzen würde, gleich kommt nämlich ‚Sturm der Liebe‘“-Blick der Kassiererin schien er nicht zu bemerken, denn als sie fertig war, bedankte er sich artig. Ihr gegrummeltes „Schönen Tag noch“ löste in ihm gar helle Begeisterung aus. „Ihnen auch einen schönen Tag … was für eine freundliche Dame!“

Mittlerweile hatte auch Klein-Reggy (spätestens bei Papis forschem Zischen „Starr den Spasti nicht so an“) begriffen, dass der Mann geistig behindert war. Ebensowenig entging es der Kassiererin. Das hinderte sie jedoch nicht daran, sich, kaum dass der Kunde verschwunden war, mit einem süffisanten Grinsen zu ihrer Kollegin umzudrehen: „Hast du gehört, ich bin eine freundliche Dame!“

Beide lachten, als wären sie wieder Teenager von zweifelhafter Schönheit und der Dicke eine picklige Schulkameradin, die im Sportunterricht vom Bock geplumpst war.  
Bis heute frage ich mich: Warum?

Was war so lachhaft am Verhalten des Mannes, oder besser gesagt: Was lässt selbstverständliche Höflichkeit für uns so unpassend und anachronistisch erscheinen?

Wer freundlich ist, macht sich im besten Falle lächerlich, im gewöhnlichen verdächtig. 

Eine ungeschriebene Etikette lässt uns fremde Menschen in unserem Umfeld meiden – nie kämen ein „normaler“ Mensch auf den Gedanken, einen Passanten in ein Gespräch zu verwickeln, das über „Tschuldigung“, „Wie spät“ oder „Haben Sie eine Zigarette für mich“ hinausgeht. 
Bröckchen unbeabsichtigt entstandenen Small-Talks werden abgeschüttelt wie ein Mückenschwarm – und hinterher schüttelt man den Kopf und beschwert sich bei Freunden oder Kollegen über die Aufdringlichkeit irgendwelcher Freaks, die anscheinend zu viel Freizeit haben.  
 Ein Kompliment von einem Unbekannten – oh mein Gott, wo ist mein Pfefferspray?

In Bus & Bahn kauert man in sich zusammen, den Blick starr geradeaus, krampfhaft an der eigenen Privatsphäre festhaltend und darauf versessen, die der anderen bloß nicht durch einen flüchtigen Blick zu verletzen. 
Gesichter sind tabu. 
Lächeln ist tabu – außer man besitzt den Ehrgeiz, es offiziell zum Dorftrottel oder zur Stadtschrulle zu schaffen. 
Eine falsche Freundlichkeit … und man endet wie der behinderte Mann an der Kasse.

Muss man erst einen Gendefekt haben, um menschlich zu sein?

Montag, 8. Oktober 2012

Von Lanzenbrüchen, S-Bahn-Lektüren und glücklichen Singles

Wenn man den Charakter eines Menschen sonst nicht zu fassen vermag, charakterisiert man ihn gerne mithilfe von Krücken, etwa einen für die Person typischen Gegenstand.

Kaum eine Sache fasst die Situation und die Einstellung meiner besten Freundin zusammen als ein Büchlein, das ich zufällig unter ihren Bergen von Naschkram, Beauty-Zubehör und DVDs entdeckt habe: „111 Gründe, Single zu sein – Eine Liebeserklärung an die Unabhängigkeit“.
Mangels einer Lektüre für die stolzen fünfeinhalb S-Bahn-Minuten von ihr zu mir und weil mich die Menschen auf dem Cover so vertrauenserweckend angrinsten, habe ich mir dieses Oevre von Angela Meier-Jakobsen sogleich gekrallt (gelobt sei der für enge Freundschaften übliche Kommunismus!) … und was als seichte Lektüre für unterwegs begann, endete als Anstoß für tief gehende philosophische Überlegungen über das Wesen des Menschen.

Gibt es glückliche Singles? Diese ewige Frage kann leider nicht erschöpfend mit meiner besten Freundin erörtern – ihre überaus gefestigte und zum Teil vom Buch geprägte Meinung macht sie immun gegen meine Lanzenbruch-Versuche. Bevor ich mich in psychologische Gefilde verirre, im emotionalen Morast versinke und meine Lieblingsklamotten im Freud’schen Dornengarten ruiniere – das Buch an sich.

Wie uns das Sandwichmodell aus schulischen Projektprojekten gelehrt hat: zuerst das Positive. Nun, seine Funktion als leichte Ratgeberkost für unterwegs erfüllt das Büchlein hinreichend. Es ist leicht zu lesen in einem angedeutet bissigen, wenngleich für meinen Geschmack zahnlos bleibenden Stil, flott und auf den ersten Blick Seite für Seite abnickenswert.

Ein zweites Mal jedoch konnte ich „111 Gründe, ein Single zu sein“ nicht lesen, ohne unter der Last nagender Gegenargumente den Kopf zu schütteln. Die meisten Gründe sind entweder vage, widersprüchlich („Weil Singles sich nicht die Beine enthaaren müssen, es aber trotzdem tun“ – nur ein ebenso kurioses wie selbsterklärendes Beispiel) oder aber sie lassen sich durch geringfügige Änderungen ebenso für die „Gegenseite“ verwenden. Diese Wahrnehmung liegt zu einem Teil an meinem krankhaften Beziehungsenthusiasmus, zum anderen aber auch an der Argumentation der Autorin.

Diese nährt sich von einem in meinen Augen unverständlichen, verzerrten Menschen- und Beziehungsbild. Die meisten Kritikpunkte, vom durch den Partner leergefutterten Kühlschrank über Freizeitaktivitäten bis hin zu Fernbedienungskriegen fußen auf der grundlegenden Unterstellung eines Mangels in Beziehungen: des Mangels an Kommunikation. Wäre der Homo vergebenus wirklich, wie laut Meier-Jacobsen, ein durch Kinderspielzeug und Weihnachtslametta gefesseltes Hybridwesen mit einem fest zugetackerten Mund … ja, dann wäre ein Single-Leben vielleicht sogar erstrebenswert.

In der (Beziehungs-)Realität ließen sich jedoch die meisten von der Autorin skizzierten Katastrophen durch schieres Teufelswerk lösen: Reden. Und durch Kompromisse, die nicht einmal dem stolzesten und unabhängigsten Single-Ego einen Zacken aus der Krone brechen würden. Durch Absprachen lässt sich, man glaubt es kaum, sogar vermeiden, dass der geliebte Partner über spätes Heimkommen nölt.
„Schatz, diesen Joghurt habe ich für meine Diät gekauft, bitte lass die Finger davon“, „Lass uns einen faulen Abend machen, dafür gehe ich mit dir nächstes Wochenende in die Berge wandern“ … sind derartige Sätze für manche Menschen wirklich so aussprechbar, dass sie lieber allein bleiben, als sich daran die Zähne auszubeißen?
Vielleicht hänge ich naiv dem „Man kann in einer Beziehung über alles reden“-Glauben an, weil ich selbst mit einem zum Erbrechen verständnisvollen und diplomatischen Partner gestraft bin. Aber selbst in größter Verbitterung wäre für mich „Als Single futtert mir niemand mein Lieblingsessen weg“ kein stichhaltiges Argument.

Ein ganz und gar bodenständiger Komplex von Gründen, darunter: „Weil Singles allen Geräuschen freien Lauf lassen können“, fällt unter die Rubrik „Als Single kann man sein zum Teil ekliges Selbst in all seiner Schlabbrigkeit ausleben“ (gleichzeitig existiert aber auch das Kapitel „Weil Singles sich nicht gehen lassen“).
Kann man das gerade in einer langfristigen Beziehung denn nicht erst recht? Sich mit dem Partner in Jogginghosen auf der Couch zu fläzen hat nicht unbedingt etwas mit Abnutzungserscheinungen der Beziehung zu tun, ebensowenig muss man Alarm schlagen, wenn die Beziehung eines Tages den Punkt erreicht: „Hast du gerade gepupst?“ – „Ja, und wie!“ Eine Frage der Vertrautheit, die Verfechter der Single-Philosophie nur zu gern als Langeweile interpretieren.
Dabei kann, darf und sollte man sich in einer Beziehung genauso aufbrezeln, feiern gehen und alles, was das Herz begehrt. Ja, gut duften und die Beine rasieren, nicht nur für ein neues Date, Frau, verzeihung, Fräulein Jakobsen.

Des weiteren leidet die Überzeugungskraft des Buchs unter den spürbaren Bemühungen, die magische 111 vollzukriegen, durch zum Teil wenig einleuchtende Alltagsthesen. „Weil Singles bei Ikea nicht streiten“ – wie tröstlich ist für Frischgetrennte wohl die Aussicht, sich endlich ohne Gegenwind das Vintage-Sofa mit Blümchenmuster in ihr Single-Wohnzimmer stellen zu können?
Manche Kapitel präsentieren völlig neutrale Dinge wie Haustiere, Patenschaften und Taxifahrten als speziellen Single-Verdienst. „Weil Singles aus der Kirche austreten“ – wie, dürfen Vergebene das nicht? Und bei der 3. Abwandlung des Grundarguments „Singles können ausschlafen und brauchen keine Rücksicht auf die Schlafgewohnheiten eines Partners zu nehmen“ unterstelle ich der Autorin endgültig, dass ihr langsam die Gründe ausgehen.

Fazit? Achtung, jetzt kommt nebst Suggestivfragen eine weitere Floskel, für die mich die Schreibgötter mit einem strafenden Blitz rösten sollten: Man kann es so und so sehen.
Ob man den Argumenten zustimmt oder nicht, alles eine Frage des Abwägens: Genießt man beim Heimkommen Totenstille oder einen Begrüßungskuss? Möchte man von einem Hund dabei freudig angebellt oder von einem Partner nach dem eigenem Tag gefragt werden? Was ist wertvoller: Von potentiellen Flirtpartnern immer wieder neue Geschichten hören oder sich mit dem Partner an gemeinsame Momente erinnern? Singles genießen immer wieder Flirts, küssen und begatten immer wieder neue Leute, argumentiert Meier-Jakobsen. Sie gehen auf die Piste, erleben viel – aber erleben sie auch die Wärme, nach einem langen Tag in den Armen des festen Partners einzuschlafen? Ist das Wissen um die Vorlieben des Partners ein sofortiges Todesurteil für ein Sexleben, welches sich nur durch eine Reihe wilder Single-Affären wiederbeleben lässt?
Ist eine Beziehung Opfer der eigenen Freiheit, wann immer man will in eine leere, aufgeräumte, stylische Wohnung zurückzukommen und nur für sich Single-Portionen zu kochen – oder die Bereicherung an einem Gegenüber, das einen auch verkatert und morgenmufflig akzeptiert? Das entscheide jeder für sich.