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Freitag, 23. Januar 2015

Wer solche Kumpels hat, braucht keine Expartner mehr ...

Obligatorischer Disclaimer: Eigentich wollte ich etwas furchtbar Böses und Satirisches schreiben, um meinen Ruf zu verteidigen. Doch nach einer aktuellen Diskussion ist mir die Lust auf gemeine Späße gründlich vergangen und einem verzweifelten Drang gewichen, die von den bösen Frauen Gegeißelten aufzuklären, falls bei ihnen noch etwas zu retten ist. Ganz wichtig und so banal, dass man es eigentlich nicht ansprechen bräuchte, aber in der Realität immer wieder hervor heben muss: Mir ist bewusst, dass es immer Ausnahmen von der Regel gibt. Dass nicht alle so sind. Frei nach dem Motto "Männer sind Schweine, Frauen aber auch." Beziehungen, generell Zwischenmenschliches, sind keine Wissenschaft. Wenn überhaupt, sind sie mit ihrer mysteriösen Unberechenbarkeit am ehesten mit Alchimie zu vergleichen. Aber am Ende haben uns alle lieb. Zufrieden?


Für die Dating-Welt ist die ominöse Friendzone so etwas wie die Illuminati. Eine Verschwörung, die dazu führt, dass "netteKerle" am ausgestreckten Arm verhungern, während "douchebags" immer Möglichkeiten finden, innerhalb einer unbegrenzten Auswahl williger Opfer einen wegzustecken.


Leute, die sich als Single penetrant über die Friendzone beschwert haben, möchte ich in einer Beziehung niemals meckern hören, wenn ihre Partnerin eifersüchtig ist auf Freunde des anderen Geschlechts. Denn wenn man die Wehklagen eines solchen Friendzone-Opfers ernst nehmen darf, sieht er anscheinend in jeder Freundin verkapptes Beziehungspotential und war in jede von ihnen schon mal hoffnungslos verliebt, jedoch aufs Abstellgleis geschoben worden. Was soll frau dann vom unschuldigen "Wir sind nur Freunde" halten? Und wer möchte mit jemand zusammen sein, der eisern wie ein quengelndes Kind am Lolli, an der Überzeugung festhält, etwas Nettigkeit und Sympathie verpflichtet den Gegenpart dazu, sich sofort in ihn zu verlieben?


Des weiteren haben Menschen, die vehement gegen das Phänomen Friendzone wettern und dabei alle Register des Sexismus ziehen (Nicht vergessen: Frauen sind kaltherzige Succubi, die einene armen Verliebten ins Fegefeuer der Friendzone herabstoßen, um ihn dort jeglicher Energie und monetären Güter zu berauben), in meinen Augen eine etwas verdrehte Vorstellung von Freundschaft und Beziehungen. Aber hey, nachdem sich das Durchschnittsalter dieser Leidensgemeinschaft auf biblische 16-30 Jahre beläuft, haben sie wohl mehr als genug Erfahrungswerte erhoben, um im Brustton der Überzeugung Koryphäen mit "Alle Frauen..." zum Besten zu geben. Nicht reif genug für die Liebe, aber reif genug für Zynismus – so mögen es die Mädels!


Ich finde es unglaublich schade, wie echte Freundschaft ohne den ekelhaften Zusatz "Zone", der längst amputiert gehört, herabgestuft wird zu einer Art sexuellen Reservebank. Jungs, wenn eine Frau jahrelang mit euch befreundet ist und in dieser ganzen Zeit keinerlei weitere Schritte unternommen hat, kann es tatäschlich sein, dass sie es auch niemals tun wird. Und das hat nichts damit zu tun, dass ihr nicht gut genug seid, ganz im Gegenteil: Ihr werdet als Mensch geschätzt. Nur eben nicht als potentieller Beziehungspartner. Ist das für Menschen, die teilweise Master-Abschlüsse vorzuweisen haben, so schwer zu verstehen?




Bedenklich finde ich den Geier-Instinkt vieler männlicher Zeitgenossen, mit eindeutigen Avancen gerade dann aus ihrem Unterschlupf zu flattern, wenn eine "Freundin" an einer Trennung zu knabbern hat. Als hofften sie, in ihrem verwundbarsten Moment würde es der Dame endlich wie Schuppen vor Augen fallen, dass der "Richtige" die ganze Zeit sich in ihrer Nähe versteckt hat. Leider funktioniert das nur in Romanitk-Komödien so. Und die sind selbst für XX-Chromosom-Trägerinnen nur mit viel Alkohol und Knabberkram zu ertragen. Mal ehrlich: Wollt ihr wirklich eine Beziehung auf Basis der Verzweiflung? Gebt ihr euch damit zufrieden, der letzte Strohhalm zu sein, wenn alle Rosen (mit und ohne Dornen) vergriffen sind? Habt ihr so wenig Selbstwertgefühl?


Apropos Selbstwertgefühl: So mancher von Friendzone Befallene schreckt nicht davor zurück, der Angebeteten subtil ein schlechtes Gewissen zu machen, indem er völlig undurchschaubar über seine Bemühungen gegenüber Frauen und sein Pech bei denselbigen klagt. Applaus, Applaus, er hat das System geknackt! Mitleid und Manipulation waren seit jeher die perfekte Basis für eine Beziehung ... oder?


Viele beklagen sich darüber, warum die Frau nicht mit ihnen zusammen sein möchte, obwohl sie doch ganz offensichtlich "der Richtige" für sie sind. Die knallharte Wahrheit: Wenn die Frau keine Beziehung mit euch wünscht, dann seid ihr – trotz aller Bemühungen, aller positiven Eigenschaften und allem Drum und Dran – für diese Frau nicht der Richtige. Aus die Maus. Ab zum Wundenlecken oder in die Männerrechtsbewegung.
Meine Mutter hat einmal etwas sehr Kluges gesagt, das ich an dieser Stelle frei zitieren möchte: "Wie kann sich jemand anmaßen, Liebe zu fordern? Niemand hat ein automatisches Anrecht darauf, geliebt zu werden. Wenn die Menschen das einsehen würden, gäbe es viel weniger Herzschmerz." Etwas zynisch, aber zutreffend. Mit einer Erwartungshaltung – wenn man dies macht, MUSS der L-Effekt eintreten – rennt man oftmals gegen eine Wand.


Da ich als Thought-Catalog-Junkie Listen nun mal liebe, bemühe ich mich mal um eine übersichtlichere Aufstellung von Gründen, warum eine Frau, mit der ihr euch sonst super versteht, euch nicht sofort um den Hals oder in den Schritt fällt. Und ja, es ist nicht bloß eine faule Ausrede - mit Beziehungen kann man eine Freundschaft zerstören. Denn:


  • Freundschaften wahren im Gegensatz zu Beziehungen eine gesunde Distanz, was gerade für Menschen, die mit Ersterem traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, eine Oase der Ruhe ist. Egal wie eng man mit einem Menschen befreundet ist, steht er einem niemals so nahe wie der eigene Partner in dem Sinne, dass seine Probleme, Ausbrüche, Macken einen nicht so tief persönlich treffen. Differenzen, die in einer Beziehung ein automatischer Trennungsgrund wären, lassen sich in einer freundschaftlichen Konstellation viel eher sachlich ausdiskutieren. Wenn Partner sich zerkrachen und wieder zusammen kommen, feixt jeder hinter vorgehaltener Hand über "On/Off-Beziehungen". In einer Freundschaft hingegen ist es eher akzeptabel, dass man sich in die Haare bekommt, verzeiht, sich zusammenrauft.
  • Aus diesem Grund kann man in Freundschaften über viele Dinge offener reden, sich geben, wie man ist, ohne Angst vor Zurückweisung. Da man kein romantisches Interesse vor sich hat, ist man nicht so sehr bemüht darum, sich von der besten Seite zu zeigen. Klar, in einer idealen Welt müsste man das in einer Beziehung auch nicht. Aber ich habe hier noch nirgends ein Schild mit "Willkommen in Utopia" gesehen.
  • Ironischerweise kann genau diese Offenheit dagegen sprechen, mit einem guten Freund zusammenzukommen: Er weiß einfach zuviel. Stellt euch einen gehässigen Exfreund vor, der aufgrund einer vorangehenden Freundschaft sämtliche Ängste, Schwächen und Abgründe der Verflossenen kennt. Meine spontane Reaktion auf eine solche Vorstellung wäre: Kill it, kill it with fire!
  • Für Beziehungen und Freundschaften gelten unterschiedliche Auswahlkriterien. Grundsätzlich bildet bei beiden Sympathie die Basis, doch die Ausläufer in beide Richtungen können unterschiedlich aussehen. In Freundschaften, da man trotz der Nähe eine gewisse Distanz wahrt (siehe oben), kann man Kompromisse eingehen und stört sich auch nicht an Persönlichkeitsmerkmalen oder Eigenarten, die für eine romantische Beziehung Ausschlusskriterien wären. Bei Freundschaften ist man toleranter, da man der Person zwar nahesteht, aber nicht quasi am "Puls" ihrer Gefühls- und Gedankenwelt lebt.
  • Apropos Auswahlkriterien: Manchmal funkt es einfach nicht. Charakterlich passen die Menschen wunderbar zusammen, aber irgendein winziges Aber, irgendein Faktor X – nennen wir es Pheromone oder whatever – stellt sich quer. Oder es gibt Warnzeichen, bei denen man in einer Freundschaft ein Auge zudrückt, die sich aber zu vollwertigen Problemen entwickeln würden, ginge man eine Beziehung ein.
  • Nicht zuletzt kann es sein, dass die Frau so lange einem Selbstmitleidtrip ausgesetzt worden ist, dass sie sich vor lauter Schuldgefühlen nicht traut, mit einem Menschen, der als romantisches Interesse nun mal nicht in Frage kommt, komplett den Kontakt abzubrechen. Eben weil sie nicht als herzloser Succubus dastehen möchte, nur weil sie Dating-Auslagen für Essen gehen etc nicht sofort mit grenzenloser Liebe auszugleichen vermag.
  • Man glaubte es nicht: Auch unter den Frauen existieren Gefühlslegasthenikerinnen, die die Bemühungen des "Freundes" als Freundlichkeit abtun und die Absichten dahinter aus Naivität oder mangelndem Selbstbewusstsein (Was? Er? Steht auf MICH? Kann nicht sein!) nicht verstehen wollen oder können. Sie brauchen Anzeichen, die sich hundertprozentig mit den Listen aus Fraunenzeitschriften und Beziehungsblogs decken, die absolute Zustimmung ihrer Freundinnen und am besten eine notarielle Beurkundung des männlichen Gefühlszustands. Oder einfach nur, dass der Mann den Mund aufmacht.


Und wenn ich mit all meinen Freunden zusammenkäme ... bei wem könnte ich mich dann noch über die Macken des Partners ausheulen und mir Erfahrungstipps abolen? Jeder Mensch braucht einen Freund des anderen Geschlechts, zumindest um den Wahnsinn dieses anderen Geschlechts aus der Sicht eines Betroffenen besser verstehen zu können.


Sonntag, 11. Mai 2014

I know that feel, bro - die Anonymen Netten Kerle

(Disclaimer: Die nachfolgende Szene und alle darin agierenden Charaktere sind frei erfundene, personifizierte, überzeichnete Verallgemeinerungen. Verklagt mich doch.)


Nach monatelangem Heranpirschen, geduldigem Ausharren in Chatrooms und dem Anhören tränenreicher Beichten im Freundeskreis bin ich dem Nest einer fast ausgestorbenen Spezies auf die Schliche gekommen: den netten Kerlen.
Nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker treffen sie sich regelmäßig in einer Versammlung von Leidensgenossen, wo sie gegenseitig Schicksalsschläge beklagen und Strategien ausarbeiten, um in der von Oberflächlichkeit dominierten herzlosen Welt nicht unterzugehen.


Der Leiter der Sitzung? Therapierunde?, ein untersetzter Mann mit Brille und schütteren Haaren, empfängt mich herzlich. Sein Händedruck ist weich und sanft, so als fürchtete er, das filigrane Gebilde meiner Hand zu beschädigen.
Umso energischer ist sein Monolog: "Schön, dass Sie heute hier sind! Ich finde es eine tolle Sache, dass sich eine Frau bereit erklärt, mal die Perspektive jener Männer in den Fokus zu rücken, die immer auf der Strecke bleiben, nur weil sie keine sexistischen Alphamännchen sein können oder wollen."
"Ähm, danke. Ich gebe mir Mühe."
"Nein, wirklich, Chapeau! Normalerweise sind Frauen ja voreingenommen und scheren alle Männer über einen Kamm wegen ein paar Arschlöchern, die ihnen das Herz gebrochen haben. Dabei lassen sie all die anständigen Kerle außer Acht, die in der Friendzone versauern! Somit wird Ihre Reportage einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten!"
"Das war der Plan, ja. Ich setze mich dann mal da hinten hin..."
"Kommen Sie, ich hol Ihnen einen bequemeren Stuhl! Und kann ich Ihnen einen Kaffee und einen Donut bringen?"
"Nein, danke, machen Sie sich keine Umstände wegen mir."
"Ach, Unsinn! Sie sind es nur nicht gewohnt, wie eine Dame behandelt zu werden. Die Donuts sind ausgezeichnet!"
"Daran liegt's nicht, ich will aber wirklich keinen Donut."
"Bestimmt achten Sie nur auf Ihre Figur, wie die oberflächliche Gesellschaft es Ihnen diktiert. Aber bei uns müssen Sie das nicht! Wir akzeptieren Frauen in jeder Form!"
"Das mag sein, aber ich leide unter Glutenunverträglichkeit."
"Warum haben Sie das nicht im Vorfeld gesagt? Ich hätte für Sie glutenfreies Gebäck bestellt."


Schließlich schicke ich mich an, mit meinem Notizblock in einer Ecke des Raumes Platz zu nehmen. Ebenso wie mein Donut-Verzicht erweist sich diese Aktion als indiskutabel: Als Ehrengast soll ich mich mit in die Runde setzen und zur Diskussion beitragen, falls die gebeutelten Romantiker Fragen an die Botschafterin aus dem feindlichen Lager haben.
Nachdem ein Nachzügler eingetrudelt ist (sein Tempo wird wohl durch seine füllige Statur gebremst), beginnt die Sitzung.


"Gentlemen, neben unserer Besucherin aus der Presse dürfen wir heute ein neues Mitglied in unserer Runde begrüßen. Erzähl doch bitte etwas zu deiner Person."
Der korpulente Neuzugang räuspert sich. "Also, ich heiße Marvin und meine Frau hat mich verlassen."
Ein mitfühlendes "Oooh" geht durch die Runde."
"Warum hat deine Frau dich verlassen, Marvin?"
"Vor zwei Wochen ist sie mit so einem überzüchteten Fitnessviech durchgebrannt. Hat nur eine Notiz hinterlassen, dass sie sich mit mir nicht mehr als Frau fühlt. Nur weil ich nicht so ein körperfixierter Bock bin, der nur ans Pumpen und F*** denkt!"
Nochmal betroffenes Raunen, ehe der Leiter beschwichtigt: "Es liegt nicht an dir, sie hat nur deine Qualitäten als Mensch nicht zu schätzen gewusst, weil sie, wie viele Frauen, von dem Aussehen von Arschlöchern verblendet ist. Sie wird schon sehen, was sie davon hat."
"Ja! Ich verstehe auch nicht, was er an so einer Schabracke wie ihr findet. Ihr kann man doch nicht mal auf den Arsch hauen, ohne dass der eine halbe Stunde nachwabbelt!"
"Der Kerl verlässt sie doch eh bald für eine jüngere, Hübschere", murmelt ein Leidensgenosse.
"Ja, Karma is a bitch! Und ich dachte noch, sie hätte wenigstens einen lieben Charakter, wenn schon das Aussehen zum Kotzen war ..."


"Und Jürgen, wie geht es bei dir mit deiner besten Freundin voran?"
Auf diese Frage hin meldet sich ein schlaksiger junger Mann, eine Verkörperung des Nerd-Archetyps, zu Wort. Sein grimmiges Gesicht glänzt fettig im trüben Licht der Lampe. "Naja, ihr Macker hat vor zwei Wochen mit ihr Schluss gemacht."
"Na, das ist doch eine Chance für dich."
"Eben, dachte ich zuerst auch, aber Frauen sind ja so dumm! Ich habe ihr sogar Andeutungen gemacht, dass es da einen netten Kerl gibt, der sie auf Händen tragen würde, aber sie rafft es nicht!"
"Wie hat sie denn reagiert?"
"Ach, sie heult bloß rum, dass sie ihn ja noch so liebt und dass sie keinen anderen haben will. Ich meine, es ist schon zwei Wochen her! Sie sollte doch langsam hinwegkommen und sich nach dem Richtigen umschauen!"
"Frau Reporterin, was meinen Sie denn dazu?"
"Naja", sage ich zögernd, "du musst vielleicht bedenken, manche Menschen brauchen länger, um eine Trennung zu verarbeiten."
"So ein Schwachsinn! Als damals die Susi aus dem Chat mit mir Schluss gemacht hat, habe ich ihr nicht hinterher getrauert, die war eh eine dumme Kuh, die keine Ahnung vom Zocken hatte. Da hab ich gleich die Melanie angeschrieben ..."
"Ja, aber deine beste Freundin muss ja nicht genauso denken wie du. Vielleicht braucht sie im Moment ja erstmal deinen Beistand als Kumpel."
Das hätte ich nicht sagen sollen.
"Immer die Friendzone!", wettert Jürgen. "Ich würde alles für sie tun, aber was bringt es mir? Sie läuft ja immer irgendwelchen Typen hinterher, die keine Ahnung haben, wie man eine Frau behandelt. Und mir sagt sie immer, ich sei nicht ihr Typ ..."


"Dann vergiss sie!", mischt sich ein netter Kerl ein, der mit verschränkten Armen neben mir sitzt. "Genieß dein Single-Leben, dann kann dich wenigstens kein Weib ausnehmen, so wie mich."
"Erzähl doch der Dame von der Presse, was du erlebst hast."
Der Betroffene lehnt sich eindringlich zu mir vor. "Naja, manchmal glaube ich, die Weiber stehen wirklich nur auf Kerle, die sie wie Dreck behandeln. Und die Kerle, die nett zu ihnen sind, lassen sie irgendwann fallen und krallen sich so ein Arschloch."
"Wie meinst du das?"
"Naja, meine Ex zum Beispiel. Ich habe alles für sie gemacht, alles für sie gezahlt, was sie wollte. Sie brauchte mich nicht einmal darum bitten, ich habe ihr alles geholt. Und was macht sie? Lässt mich sitzen, weil sie meint, sie kommt mit meinem Charakter nicht klar! Als ob Taten nicht lauter sprechen als Worte!"
"Aber irgendeinen Grund musste es ja geben", werfe ich kleinlaut ein.
"Ach, sie hat irgendwas geblubbert von wegen, sie erträgt meine Stimmungsschwankungen nicht. Nur weil ich ein paar mal ausgetickt bin, weil ich es nicht mehr aushalten konnte!"
"Konntest du denn nicht mit ihr über deine Probleme reden?"
"Keine Ahnung, ich war ja zu sehr damit beschäftigt, ihr zuzuhören, wenn sie Probleme hat!"
"Aber sollte es kein Austausch unter Partnern sein ...?"
"Ich wäre doch ein Waschlappen, wenn ich ständig so rumheulen würde wie sie. Und überhaupt, warum kann sie mir nicht einfach verzeihen? Ich habe mich jedes Mal entschuldigt, hab ihr ständig Geschenke gemacht."


Langsam verliere ich die Geduld und wende mich an den Diskussionsleiter.
"Hören Sie, ich habe schon viele wertvolle Einblicke gesammelt, aber jetzt muss ich langsam gehen."
"Bleiben Sie doch noch bis zum Ende der Sitzung, Sie haben doch noch gar nicht alle Schicksale gehört!"
Der schenkungsfreudige Choleriker grätscht dazwischen: "Da sieht man es wieder, keine Frau hat Zeit, keine Frau interessiert sich für unsere Probleme, aber wir müssen immer springen!"
"Am Ende kommen wir in dem Artikel noch total klischeehaft weg", setzt der verhinderte Adonis hinzu, "wie ein Haufen Verlierer, die einfach keine Ahnung haben von Frauen."
"Bestimmt nicht", versichere ich, "ich habe mir ein objektive Bild gemacht, es ist nur, ich muss wirklich los."
"Bestimmt zu einem Date!", verdreht der Nerd die Augen.
"Nein, aber heute ist noch ein Raid geplant", erwidere ich. Beim Verlassen des Raums bin ich um eine Handynummer reicher.

Herzlichen Dank für die Inspriation an den erzählmirnix Blog, dessen Autorin die Nette-Kerl-Problematik in einem Comic wesentlich knapper zusammengefasst hat als ich Plappertasche es jemals könnte.


Montag, 20. Januar 2014

The worst of the worst

Meine Hoffnung, online die große Liebe zu finden, hatte ich bereits in dem Moment aufgegeben, als ich anno dazumal ein Profil auf Black-Flirt erstellte. Meine Intention, diese Website für mehr oder weniger stilvolle Unterhaltungen und das Finden von Gleichgesinnten zu nutzen, wurde leider oft missverstanden – dafür bekam ich mannigfaltiges Studienmaterial an die Hand, wie Online-Singles ticken. Vor allem solche, die sich in der mir nicht ganz fremden schwarzen Szene bewegen.
Zum Glück beginnt und endet meine Online-Dating-Karriere mit Black-Flirt. Dennoch wage ich die Vermutung, dass sich ähnliche Stereotypen, wie unten beschrieben, genauso häufig auf "Normalo"-Plattformen tummeln. Bühne frei für die Binärromeos dieser Welt!


Der Copy-Paste-Charmeur
Um bei diesem Kontaktjongleur noch dem Irrglauben anheim zu fallen, man hätte als Einzige durch herausragende Qualitäten seine Aufmerksamkeit geweckt, müsste man schon eine jungfräuliche Einsiedlerin sein, die zum ersten Mal die Genüsse des Online-Datings für sich entdeckt.
Zeit ist Geld, und wenn man noch so viele hübsche Damen mit Nachrichten zu beglücken hat, bleibt eben keine Zeit, Romane zu schreiben. Deswegen beschränkt sich unser effiziente Herzensbrecher auf Schlüsselsätze wie "Hi, wie geht's dir?", "Ich bin über dein Profil gestolpert" (na hoffentlich ohne bleibende Verletzungen!), "Du bist sehr hübsch" und ähnliche Perlen der Konversation.
Wenn er in die Korrespondenz oberflächliche Bezüge zum Profil der Angebeteten einfließen lässt, die über die Bewunderung ihrer Oberweite hinausgehen, kann man getrost die Hochzeitsglocken läuten.
Diesen Hansdampf in allen Gassen auf mangelnde Kreativität hinzuweisen, bringt nichts. Während man eine empörte Nachricht zu Ende getippt hat, hat er bereits ein weiteres Bundesland mit Fließband-Plattitüden erobert. Keine Angst, eine ausbleibende Antwort bricht ihm nicht das Herz. Es gibt genug Verzweifelte, die sich auch über ein "Was machst du gerade" freuen.


Der Jackpot
Kaum hat man sich von der Verzückung beim Studieren seines Profils erholt und den Sabber von der Tastatur gewischt, stellt sich die Frage: Wie kann so jemand noch Single sein? Gutaussehend, eloquent, wohlhabend, erfolgreich ... Nichts wie her damit, so einen Traumprinzen findet man nur einmal im Leben!
Zumal dieses Ideal von Mann auch beim Gegenüber nicht mit Superlativen geizt. Hat man sich entgegen aller Minderwertigskeitskomplexe an ihn herangewagt, findet man nach raschem Nachrichtenwechsel heraus, genau die Frau zu sein, auf die er sein (alterstechnisch meist fortgeschrittenes) Leben gewartet hat. Das würde sich erst recht bestätigen, wenn die Holde ihm in regelmäßigen Abständen freizügige Bilder zukommen ließe ... aber was tut man nicht alles für die große Liebe.
Als in der Schule romantische Gedichte durchgenommen wurden, hat dieser Marty Stu* als Einziger aufgepasst und weiß daher seiner Angebeteten in gewählter Sprache zu vermitteln, dass sie die Schönste, Anziehendste und Liebenswerteste ist. Damit es nicht zu kitschig wird, fragt der Mann von Welt seine Herzensdame gerne beiläufig um Rat, ob er sich nun einen neuen Mercedes oder einen BMW anschaffen soll. Natürlich erst, nachdem er von seiner Weltreise zurückgekehrt ist. Hach ...
_____________________
* Marty Stu = männliche Version der Mary Sue (Prototyp einer ebenso perfekten wie sterbenslangweiligen Romanfigur)


Der Waldschrat
Was dieser Eigenbrötler auf einer Plattform verloren hat, die dem lockeren Kontakteknüpfen dient, bleibt ein Mysterium. Genau wie seine von undankbaren, beschränkten Zeitgenossen verkannte Persönlichkeit. Nur eine Konstante ist klar erkennbar: Er hasst alles und jeden, hat in seinem Leben nichts als Enttäuschungen erlebt und weiß ganz genau, was er NICHT will. Nämlich dich. Genau dich. Jedem trven Black-Metal-Puristen würde das Corpsepaint verlaufen vor Freudentränen angesichts dieses personfiizerten Ideals.
Hat man sich in einem suizidalen Moment durchgerungen, diesen Misanthropen zu kontaktieren, versteht man nach wenigen Zeilen, woher die scheinbar selbst gewählte Einsamkeit rührt. Selbst auf Gleichgesinnte, die seinen Ansprüchen gerecht werden, reagiert er im schlimmsten Fall mit bitterer Skepsis, im besten Fall (* schluck *) mit Lamentationen über sein unerfreuliches Dasein. Am liebsten würde man einen Jahresvorrat Tavor digitalisieren und ihm zukommen lassen, aber das lässt nicht einmal ein Premium-Account zu.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich irgendwann eine geduldige Seele findet, den Panzer aus Weltschmerz zu knacken. Bis dahin bleibt dem erwachsenen Emo seine linke Hand treu. Die findet er auch ohne Kontakt-Annonce.


Der Super-Duper-Dom
Diesen Menschenschlag gibt es in unterschiedlichen Geschmack(losigkeit)srichtungen – entfernt mit dem Jackpot-Typen verwandt, aber nicht halb so unterhaltsam.
Hat sich dieser Egomane, wie der Titel besagt, dem BDSM verschrieben, so ist die Schlagrichtung seiner Kontaktaufnahme folgende: Er hat die potentielle Unterwürfige anhand ihres Profils auf Herz und Nieren geprüft und sie für würdig befunden, ihm zu dienen und ihm die Füße zu küssen. Sofort, jetzt und in alle Ewigkeit. Reklamationen gibt's nicht, und welche unbedarfte Frau würde eine solche Ehre auch zurückweisen wollen?
Seine softere Ausführung begnügt sich mit einer großspurigen Nachricht zwischen Tür und Angel, dass er die Auserwählte für eines Treffens würdig hält und sie ihn gerne kontaktieren darf – meistens mit gleich beigefügter Handynummer. Natürlich darf nicht der Disclaimer fehlen, dass er längst nicht jede anschreibt und dass dieses Kontaktangebot bereits eine Auszeichnung ist, die auszuschlagen einfach nur dämlich wäre.
Die Profilbilder und weiterführenden Angaben solcher wandelnden Superlative glänzen meist durch ... Abwesenheit. Ihre Großartigkeit müssen sie schließlich nicht unter Beweis stellen, und wenn die Angebetete das ihr zuteil gewordene Glück hinterfragt, dann liegt hier wohl ein Irrtum vor. Wobei, solche Prachtexemplare irren sich bekanntlich ja nie.


Die Einbahnstraße
"Offen und ehrlich", "unkompliziert", "weiß was er will" – gegen solche Prämissen ist erst einmal nichts einzuwenden. Bestimmt auch nicht dagegen, dass der Mann, der sich dahinter verbirgt, mit seiner Auserwählten offen und ehrlich Schweinkram austauschen will, nach unkomplizierten Sexkontakten sucht und genau weiß, welche Bedürfnisse er befriedigt haben will. Beim Verfolgen seiner Ziele nimmt er kein Blatt vor den Mund und ist auch nicht zimperlich, Vorbehalte aus dem Weg zu räumen. Einige Nachrichten mit belanglosem Small-Talk, die bereits mit eindeutigen Andeutungen versetzt sind, decken bei diesem Potenzwunder sowohl Werbephase als auch Vorspiel ab. Wenn nach dieser Ouvertüre noch keine hüllenlosen Offenbarungen seinen Bildschirm zieren, wird er unruhig bis aggressiv.
Ebenso wie beim Copy-Paste-Charmeur ist Widerstand zwecklos. Auch mehr oder weniger bissiger Humor rettet einen nicht vor der Keule, man sei prüde, nicht aufgeschlossen genug oder schlichtweg langweilig, wenn man Mr. Direkt nicht sofort das gibt, was er will. Bevor er die virtuelle Tür zuknallt, lässt er gerne zum Abschied den Vorwurf da, man hätte mit ihm gespielt und unnötige Erwartungen geweckt. Wie denn? Durch das Lesen der Nachricht?


Und weil es so schön ist, und die Welt nicht schwarz weiß, sondern grau skaliert ist, gibt es von diesen Grundtypen (und denen, mit denen ich nicht das Vergnügen hatte oder die ich vergessen habe) diverse Mischformen.


Da ich beileibe keine verbitterte Feministin bin und außerdem eine Schwäche für Symmterie habe, rufe ich nun meine männliche Leserschaft (welche Leserschaft, höhö) auf: Habt ihr ähnliche Stereotypen bei Damen im Online-Dating ausmachen können? Wenn ja, freue ich mich über eure Erfahrungen und weiteres Material.






Freitag, 4. Oktober 2013

Akte Arschloch

"Männer und Fraun sind das nackte Graun,
wenn sie sich stundenlang tief in die Augen schaun,
und die Frauen andren Fraun ihre Männer klaun,
und die Männer sowieso nur Scheiße baun."


Ein Körnchen Wahrheit muss in diesem Ärzte-Lied stecken – warum sonst singen wir immer wieder mit, obwohl es schon mindestens ein halbes Jahr regelmäßig aus dem Autoradio dudelt?
Um der Emanzen-Keule auszuweichen: Nicht alle Männer bauen Scheiße, wohlgemerkt. Nur die spezielle Unterart "Arschloch", deren Population sich dank der evolutionären Vorteile jedoch von Jahr zu Jahr (oder in der subjektiven Sichtweise "lebenserfahrener" Frauen: von Beziehung zu Beziehung) exponentiell steigert.
Aber woraus bestehen diese evolutionären Vorteile, die dazu führen, dass sich die Arschlöcher stets aus Jagdgründen voller williger Frauen bedienen, während ihre weniger anpassungsfähigen Zeitgenossen (auch "nette Kerle" genannt) sich seit Jahren mit einem halbherzigen "Hallo, wie geht's" der heimlich Angebeteten sowie beinahe ebenso unnerreichbaren Pixel-Busenwundern über Wasser halten?
Meine Feldstudien haben einige Lösungsansätze ans Tageslicht gebracht, die so bahnbrechend sind, dass sie bereits von sämtlichen Frauenzeitschriften (dazu zähle ich auch "Men's Health") durchgekaut wurden.
Und dennoch lernen wir nichts dazu – so leicht lassen sich die perfiden Mechanismen der weiblichen Psyche nicht umprogrammieren. Die da wären:


  1. Frauen sind das wahre starke Geschlecht.
    Man kann es Mutterinstinkt nennen oder das Engel-Phänomen (einen Autopsiebericht desselbigen lest ihr hier), Tatsache ist: der weibliche Beschützertrieb gleicht einem Filter, der nur die kaputten, verletzten oder in irgendeiner Form "unfertigen" potentiellen Geschlechtspartner ins Sichtfeld oder gar ins Herz der beziehungswilligen Frauen diffundieren lässt.
    Anders als Raubtiere, die dank desselben Radarsystems Beutetiere ausfindig machen, tun Frauen dies mit einem hehren Ziel: den Angebeteten aufpäppeln, beschützen, retten und ihm wieder einen Glanz in die gequälten Augen zaubern (letzteres gelingt am besten postkoital). Sei es durch nächtliche Seelenschmerz-Telefonate, Geldspritzen oder etwaige Liebesdienste: Der arme Auserwählte wird augenblicklich in einen Kokon aus Verständnis, Zuneigung und Selbstaufopferung gehüllt, denn...

  2. Arschlöcher sind vom Leben gezeichnet und müssen gerettet werden!
    Weder diesen starken Frauen noch ihren Arschloch-Auserwählten scheint die Binsenweisheit "Karma is a bitch" ein Begriff zu sein. Nein, eine gescheiterte Existenz ist das Arschloch natürlich nicht aus Eigenverschulden, sondern, weil ihm das Leben chronisch übel mirgespielt hat.
    Wenn der Angebetete mit Ende zwanzig noch bei Mutti logiert, liegt es daran, dass sie ihn schlimmer tyrannisiert als Kim-Jong das gangnamstyle-freie Nordkorea. Wenn er keinerlei Karriere vorzuweisen hat außer unqualifizierten Gelegenheitsjobs, dafür aber eine Latte an gescheiterten Beziehungen, gegen welche die Chinesische Mauer aussieht wie Nachbars Gartenzaun, ist dies nur ein trauriger Beweis für die Ungerechtigkeit der Menschen.
    Seine Exfreundinnen? Allesamt eifersüchtige Psychopathinnen und promiskuitive Lügnerinnen, die die Gutherzigkeit des Armen ausgenutzt und ihn dann verlassen haben, als es nichts mehr zu holen gab. In seltenen Fällen hatte der gepeinigte Traummann schweren Herzens selbst einen Schlusstrich gezogen, weil er diesen Hexensabbat auf seinem Nervenkostüm nicht mehr ertragen konnte.
    Analog wussten die ehemaligen Chefs – falls vorhanden – das Engagement des unqualifizierten Hotel-Mama-Bewohners einfach nicht zu schätzen. Und falls dem Arschloch wenigstens die traumatisierende Begegnung mit der Berufswelt erspart geblieben war, dann natürlich nicht wegen mangelnder Bildung oder Arbeitsmoral, sondern weil ihn entweder die lädierte Psyche (siehe oben) oder ein seltenes körperliches Gebrechen davon abhielten. So bekommt das Arschloch beispielsweise alleine beim Gedanken an Arbeit Depressionen oder unerklärliche Migräneanfälle, alsbald krümmt sich sein ohnehin gramgebeugter Rücken vor Schmerzen, die jede körperliche Tätigkeit unmöglich machen.
    Was bleibt da der neuen Flamme übrig, als sich in eine glänzende Paladinsrüstung zu werfen (mit vorteilhaftem Dekoltee, natürlich), sich auf ein weißes Ross zu schwingen, dem geschwächten Gefährten aufsitzen zu helfen und mit ihm in eine bessere Zukunft zu galoppieren? Hand auf's Herz -
  1. Jede Frau will die Eine sein.
    Und das geht natürlich nur, wenn sich die Herzensdame immer und überall als Ausnahme von der Regel stilisiert und ihrem Geliebten zeigt, dass es noch Menschen gibt, die es gut mit ihm meinen. Indem sie dem Arschloch dann aufhilft, wenn die boshaften Mitmenschen ihn fallen lassen würden. Sich wund arbeitet, wo andere Hilfe verweigern würden. Und erduldet, erduldet, erduldet.
    Seitensprünge werden verziehen, Ausraster und schizophrene Schübe Wunden leckend weggelächelt, blanke Ignoranz toleriert – das sind doch alles nur Symptome einer gequälten Seele und Versuche, die Liebste auf Distanz zu halten. Verständlich, ist das Arschloch doch gewöhnt, von nahe stehenden Menschen verletzt zu werden.
    Aber auf diese Abwehrmechanismen fallen wir nicht rein, nein, wir besiegen das System und halten tapfer alle Krisen durch, bis Mr. Right endlich geheilt ist und die emotionalen Investitionen Rendite bringen. Schließlich will sich keine Frau in die Riege der diabolischen Exfreundinnen einreihen, die diesen Jackpot vom Mann mangels Anstand und Geduld fallen ließen. Wenn nicht wir den Prinzen retten, wer dann? Dann ist sein Weltbild für immer zerstört und der Ärmste ist verloren. Also nix mit "the one that got away" – "the one that settled" ist das Credo starker Frauen!

  2. Arschlöcher sind nur Traummänner, die sich nie ausleben durften.
    Natürlich ist keine Frau so naiv, rein aus Mitleid mit einem hoffnungslosen Fall zusammenzukommen oder, Gott bewahre, zusammenzubleiben. Wir stehen den Kampf um die Seele des Liebsten durch und trotzen den Drachen seiner Psyche, weil wir uns das flammende Banner seiner Tugenden vor Augen halten.
    Wer, wenn nicht er, würde uns solch romantische Gedichte schreiben, denen schiefe Reime und metrische Stolpersteine erst die Würze und Authenzität verleihen? Wer sonst würde mit seiner Spontaneität und seinem tiefen Wissen um unsere Wünsche sogar einem Geschenk aus dem Ein-Euro-Laden mit emotionaler Bedeutung aufwerten?
    Obendrein trägt unser Plan, die Eine zu sein, erste Früchte – mit seinen gewissenlosen Verflossenen hat der Liebste garantiert nicht so intensiv übers Heiraten und Kinderkriegen gesprochen wie mit uns. Genauso wenig, wie er vor diesen Harpyen sein Herz so ausschütten konnte. Seine empfindsame Seele spürt nun mal, wer es wirklich ernst mit ihm meint, und genauso ernst meint er es mit uns. Wir müssen uns nur in Geduld üben; solch große Zukunftspläne brauchen Zeit, sich zu entfalten. Immerhin spart Mr. Right schon auf einen Verlobungsring, den er uns mit einer groß angelegten romantischen Geste überreichen wird. Irgendwann.
    Bis dahin wärmen wir uns an immateriellen Werten, an Sätzen, die seine Liebe und seine Einzigartigkeit besiegeln: "Ich bin immer ehrlich zu dir", "Du bist etwas ganz Besonderes", "Ich bleibe dir immer treu", und ... das ultimative Sesam-Öffne-Dich für Herzen (und Bhs): "Ich war noch mit keiner Frau so glücklich wie mit dir".


Eine solche Liebe ist prädestiniert dafür, ewig zu halten. Umso härter fällt die edle Retterin aus allen Wolken, wenn der vermeintlich unbewaffnete Schützling aus den Untiefen des Rosenrkriegs-Arsenals den Hammer hervorholt: "Wir haben uns auseinandergelebt."
Wobei, auch hier beweist der Liebste nichts als grenzenlose Feinfühligkeit. Die Dame, deren Rettungsversuche für sein Nervenkostüm nicht mehr tragbar waren, verschont er mit den wahren Gründen der Trennung. Diese spart er sich für Freunde (ja, genau die, die ihn immer hängen lassen), vielversprechende weibliche Bekanntschaften und Mutti auf. Ihnen offenbart er kummervoll die harte Realität: Unter der schilldernden Paladinsrüstung seiner Liebsten hat sich mit der Zeit ein eifersüchtiges, klammerndes, unreifes Herz offenbart – genauso schwarz und verdorben wie die Pumporgane ihrer Vorgängerinnen. Sie war doch nicht die Eine. Aber wer so oft verletzt wurde, verträgt gerade noch so auch diese Enttäuschung. Klappe, die nächste!


Samstag, 23. Februar 2013

"Gott weiß, ich will kein Engel sein ..."

Die Frauen kennen diese Spezies, mussten sie doch mindestens einmal in ihrem Leben ihren Vertreterinnen eine tröstende Schulter zum Ausweinen hinhalten. Die Männer kennen sie noch besser - schließlich ist das starke Geschlecht in 90 % der Fälle der Grund fürs Ausweinen. Jeder von ihnen hat (laut Aussage dieser Spezies) einer Vertreterin von ihnen schon mindestens einmal das Herz gebrochen.

Die Rede ist von dem Typus Frau, den ich gerne als den "handelsüblichen Engel" bezeichne.
Manchen von ihnen sieht man die Zugehörigkeit zu dieser höheren Rasse nicht sofort an. Sie tarnen sich gekonnt mit knappen Miniröcken (damit man dem ewig leidenden starken Geschlecht bequem zur Hilfe eilen kann), marialischen Dekoltes (um das große verwundete Herz zu präsentieren) und viel Schminke (um die Tränenspuren zu übertünchen).
Oftmals suchen sie sich unerwartete Orte aus, um von dort aus Liebe und Wärme in der Menschheit zu verbreiten: Bars, Diskotheken, zwielichte Ansammlungen nicht ganz nüchterner Menschen im Allgemeinen. Denn wo sonst trifft man mit so hoher Wahrscheinlichkeit auf gescheiterte Existenzen, die es mit viel Geduld aufzupäppeln gilt - das täglich Brot, äh, Ambrosia dieser Spezies?

Eines haben alle Engel gemeinsam, sonst wären es keine: Sie träumen von der perfekten Beziehung. Von bedingungslosen Liebe, Vertrauen, Respekt und davon, mit ihrem Auserwählten Hand in Hand über eine Blumenwiese zu traben. Diesen Traum im Auge, empfangen sie jeden Mann, der mit Worten, oder mit seinem Körper, oder mit irgendetwas - oft genug auch mit gar nichts - einigermaßen umgehen kann, mit offenen Armen und offenen Beinen.

Dann hebt der Engel seinen Auserwählten über die schnöde, graue, herzlose Welt hinaus und trägt ihn mit ekstatisch flatternden Flügeln in ein besseres Leben - mit Zwischenstopp zum Bierholen, wohlgemerkt. Wie ein Komet zieht diese hell und rein strahlende Liebe über das Firmament. Leider kommt kurz nach der alles verändernden Erkenntnis, seine perfekte Hälfte gefunden zu haben (und Engel haben in der Regel mehr als genug Erfahrung, um so etwas sofort beurteilen zu könenn), die Landung. Die für den Engel oft mit mehr als nur ein paar geknickten Flügelfedern endet. Beim Richten dieser entsteht zwischen der armen Seele und dem Gegenüber, der gerade das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, ein oft gehörter Dialog.

"Mein Freund hat mich verlassen, ich vermisse ihn so sehr."
"Wie lang wart ihr denn zusammen?"
"Zwei Monate!" (oder drei, oder vier, oder doch nur ein paar Wochen - auffällig ist, dass der Zeitraum des paradiesischen Glücks selten die Halbjahresmarke überschreitet)
"Warum hat er dich verlassen?"
"Oh, ich glaube, er hat mich von Anfang an verarscht und es gar nicht ernst gemeint. Er hat mich betrogen/belogen/ausgenutzt/ignoriert" (die Liste ist lang, die Quintessenz: so behandelt man einen Engel doch nicht!)
"Sei doch froh, dass du den Deppen los bist."
"Nein! Ich will ihn unbedingt wiederhaben, ich liebe ihn so!"

Der Ausgang des Dialogs variiert je nach Geschlecht des Zuhörers.
Ist dieser weiblich, bekommt der Engel wahlweise Trost, Solidarität und die Ermutigung, dass andere Mütter auch schöne und vor allem treue Söhne haben (von geduldigen Zuhörerinnen), oder den Rüffel, wie man so naiv und blöd sein konnte (von Realistinnen).
Beim männlichen Zuhörer wird es interessanter. Hier bekommt der Engel sogar noch mehr Wärme, Verständnis, es wird ermuntert und über den herzlosen Geschlechtsgenossen gewettert. Es gibt Streicheleinheiten, liebe Worte und innige Umarmungen (wo sonst, außer in einer innigen Umarmung, kann man unauffällig und auf anständige Weise Brüste zu spüren bekommen?).
Bei soviel Sanftheit und Verständnis geht dem Engel natürlich sofort ein Licht auf. Der Engel blickt in die treuherzigen Hundeaugen des Trösters und erkennt darin seine wahre bessere Hälfte.
Und schon beginnt der Kreislauf von Neuem ...

Vielleicht täte es den Engeln gut, zu begreifen, dass der Weg zum Herzen eines Mannes nicht in seiner Hose beginnt. Und wenn doch, ist dieser Mann vielleicht nicht der Mr. Right, der von einer höheren Macht (der gleichen, die die Engel im Fließbandmanier produziert) dazu auserkoren ist, ihr geschundenes Herz zu heilen.

Montag, 8. Oktober 2012

Von Lanzenbrüchen, S-Bahn-Lektüren und glücklichen Singles

Wenn man den Charakter eines Menschen sonst nicht zu fassen vermag, charakterisiert man ihn gerne mithilfe von Krücken, etwa einen für die Person typischen Gegenstand.

Kaum eine Sache fasst die Situation und die Einstellung meiner besten Freundin zusammen als ein Büchlein, das ich zufällig unter ihren Bergen von Naschkram, Beauty-Zubehör und DVDs entdeckt habe: „111 Gründe, Single zu sein – Eine Liebeserklärung an die Unabhängigkeit“.
Mangels einer Lektüre für die stolzen fünfeinhalb S-Bahn-Minuten von ihr zu mir und weil mich die Menschen auf dem Cover so vertrauenserweckend angrinsten, habe ich mir dieses Oevre von Angela Meier-Jakobsen sogleich gekrallt (gelobt sei der für enge Freundschaften übliche Kommunismus!) … und was als seichte Lektüre für unterwegs begann, endete als Anstoß für tief gehende philosophische Überlegungen über das Wesen des Menschen.

Gibt es glückliche Singles? Diese ewige Frage kann leider nicht erschöpfend mit meiner besten Freundin erörtern – ihre überaus gefestigte und zum Teil vom Buch geprägte Meinung macht sie immun gegen meine Lanzenbruch-Versuche. Bevor ich mich in psychologische Gefilde verirre, im emotionalen Morast versinke und meine Lieblingsklamotten im Freud’schen Dornengarten ruiniere – das Buch an sich.

Wie uns das Sandwichmodell aus schulischen Projektprojekten gelehrt hat: zuerst das Positive. Nun, seine Funktion als leichte Ratgeberkost für unterwegs erfüllt das Büchlein hinreichend. Es ist leicht zu lesen in einem angedeutet bissigen, wenngleich für meinen Geschmack zahnlos bleibenden Stil, flott und auf den ersten Blick Seite für Seite abnickenswert.

Ein zweites Mal jedoch konnte ich „111 Gründe, ein Single zu sein“ nicht lesen, ohne unter der Last nagender Gegenargumente den Kopf zu schütteln. Die meisten Gründe sind entweder vage, widersprüchlich („Weil Singles sich nicht die Beine enthaaren müssen, es aber trotzdem tun“ – nur ein ebenso kurioses wie selbsterklärendes Beispiel) oder aber sie lassen sich durch geringfügige Änderungen ebenso für die „Gegenseite“ verwenden. Diese Wahrnehmung liegt zu einem Teil an meinem krankhaften Beziehungsenthusiasmus, zum anderen aber auch an der Argumentation der Autorin.

Diese nährt sich von einem in meinen Augen unverständlichen, verzerrten Menschen- und Beziehungsbild. Die meisten Kritikpunkte, vom durch den Partner leergefutterten Kühlschrank über Freizeitaktivitäten bis hin zu Fernbedienungskriegen fußen auf der grundlegenden Unterstellung eines Mangels in Beziehungen: des Mangels an Kommunikation. Wäre der Homo vergebenus wirklich, wie laut Meier-Jacobsen, ein durch Kinderspielzeug und Weihnachtslametta gefesseltes Hybridwesen mit einem fest zugetackerten Mund … ja, dann wäre ein Single-Leben vielleicht sogar erstrebenswert.

In der (Beziehungs-)Realität ließen sich jedoch die meisten von der Autorin skizzierten Katastrophen durch schieres Teufelswerk lösen: Reden. Und durch Kompromisse, die nicht einmal dem stolzesten und unabhängigsten Single-Ego einen Zacken aus der Krone brechen würden. Durch Absprachen lässt sich, man glaubt es kaum, sogar vermeiden, dass der geliebte Partner über spätes Heimkommen nölt.
„Schatz, diesen Joghurt habe ich für meine Diät gekauft, bitte lass die Finger davon“, „Lass uns einen faulen Abend machen, dafür gehe ich mit dir nächstes Wochenende in die Berge wandern“ … sind derartige Sätze für manche Menschen wirklich so aussprechbar, dass sie lieber allein bleiben, als sich daran die Zähne auszubeißen?
Vielleicht hänge ich naiv dem „Man kann in einer Beziehung über alles reden“-Glauben an, weil ich selbst mit einem zum Erbrechen verständnisvollen und diplomatischen Partner gestraft bin. Aber selbst in größter Verbitterung wäre für mich „Als Single futtert mir niemand mein Lieblingsessen weg“ kein stichhaltiges Argument.

Ein ganz und gar bodenständiger Komplex von Gründen, darunter: „Weil Singles allen Geräuschen freien Lauf lassen können“, fällt unter die Rubrik „Als Single kann man sein zum Teil ekliges Selbst in all seiner Schlabbrigkeit ausleben“ (gleichzeitig existiert aber auch das Kapitel „Weil Singles sich nicht gehen lassen“).
Kann man das gerade in einer langfristigen Beziehung denn nicht erst recht? Sich mit dem Partner in Jogginghosen auf der Couch zu fläzen hat nicht unbedingt etwas mit Abnutzungserscheinungen der Beziehung zu tun, ebensowenig muss man Alarm schlagen, wenn die Beziehung eines Tages den Punkt erreicht: „Hast du gerade gepupst?“ – „Ja, und wie!“ Eine Frage der Vertrautheit, die Verfechter der Single-Philosophie nur zu gern als Langeweile interpretieren.
Dabei kann, darf und sollte man sich in einer Beziehung genauso aufbrezeln, feiern gehen und alles, was das Herz begehrt. Ja, gut duften und die Beine rasieren, nicht nur für ein neues Date, Frau, verzeihung, Fräulein Jakobsen.

Des weiteren leidet die Überzeugungskraft des Buchs unter den spürbaren Bemühungen, die magische 111 vollzukriegen, durch zum Teil wenig einleuchtende Alltagsthesen. „Weil Singles bei Ikea nicht streiten“ – wie tröstlich ist für Frischgetrennte wohl die Aussicht, sich endlich ohne Gegenwind das Vintage-Sofa mit Blümchenmuster in ihr Single-Wohnzimmer stellen zu können?
Manche Kapitel präsentieren völlig neutrale Dinge wie Haustiere, Patenschaften und Taxifahrten als speziellen Single-Verdienst. „Weil Singles aus der Kirche austreten“ – wie, dürfen Vergebene das nicht? Und bei der 3. Abwandlung des Grundarguments „Singles können ausschlafen und brauchen keine Rücksicht auf die Schlafgewohnheiten eines Partners zu nehmen“ unterstelle ich der Autorin endgültig, dass ihr langsam die Gründe ausgehen.

Fazit? Achtung, jetzt kommt nebst Suggestivfragen eine weitere Floskel, für die mich die Schreibgötter mit einem strafenden Blitz rösten sollten: Man kann es so und so sehen.
Ob man den Argumenten zustimmt oder nicht, alles eine Frage des Abwägens: Genießt man beim Heimkommen Totenstille oder einen Begrüßungskuss? Möchte man von einem Hund dabei freudig angebellt oder von einem Partner nach dem eigenem Tag gefragt werden? Was ist wertvoller: Von potentiellen Flirtpartnern immer wieder neue Geschichten hören oder sich mit dem Partner an gemeinsame Momente erinnern? Singles genießen immer wieder Flirts, küssen und begatten immer wieder neue Leute, argumentiert Meier-Jakobsen. Sie gehen auf die Piste, erleben viel – aber erleben sie auch die Wärme, nach einem langen Tag in den Armen des festen Partners einzuschlafen? Ist das Wissen um die Vorlieben des Partners ein sofortiges Todesurteil für ein Sexleben, welches sich nur durch eine Reihe wilder Single-Affären wiederbeleben lässt?
Ist eine Beziehung Opfer der eigenen Freiheit, wann immer man will in eine leere, aufgeräumte, stylische Wohnung zurückzukommen und nur für sich Single-Portionen zu kochen – oder die Bereicherung an einem Gegenüber, das einen auch verkatert und morgenmufflig akzeptiert? Das entscheide jeder für sich.